Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Mehr als Verzicht

Liborius Verlagsgruppe Bayerisches Sonntagsblatt Liborius Magazin Liboriusblatt
Donnerstag, 24. Mai 2012 Dagmar, Ester
Augenblicke|Nachrichten|Wissen|Unser Glaube|Specials|Forum|E-Cards|Spiele

Etappen Ihres Lebens: Taufe | Kommunion | Firmung | Ehe | Trauer

Drucken | Versenden | Mail an die Redaktion

Fastenzeit

Wüste (Foto: istock)

Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit: 40 Tage des Verzichts? Es geht um wesentlich mehr, erklärt Pater Stefan Tertünte SCJ

Pater Stefan Tertünte SCJ über Nächstenliebe in der Fastenzeit

"Ich will jetzt davon schweigen, dass manche so fasten, dass sie sich dennoch vollsaufen; dass manche so reichlich mit Fischen und anderen Speisen fasten, dass sie mit Fleisch, Eiern und Butter dem Fasten viel näher kämen.“ Mit markigen Worten kritisierte Martin Luther 1520 die Schräglage der kirchlichen Fastenpraxis. Und wer sich beim traditionellen Fischessen in manchen Gemeinden anschaut, wie feinste Fischspeisen geboten werden, wird sich der Trefflichkeit des Lutherzitates kaum entziehen können.

Der Trend geht jedoch in eine andere Richtung:

Laut Forsa-Umfrage hatten im Jahre 2007 mehr als elf Millionen Bundesbürger den Vorsatz, in der Fastenzeit auf bestimmte Nahrungs- und Genussmittel zu verzichten – wohlgemerkt: Sie hatten den Vorsatz. Seit 1983 gibt es mit der Aktion „7 Wochen ohne“ eine Fastenaktion der Evangelischen Kirche, an der sich inzwischen jedes Jahr über zwei Millionen Menschen beteiligen. Wozu das Ganze? Laut einer Emnid-Umfrage von 2001 fasten 40 Prozent der Deutschen manchmal, um als zuviel empfundene Kilos zu verlieren, 14 Prozent bisweilen, um ihr seelisches Gleichgewicht zu erlangen, 37 Prozent niemals – und neun Prozent „fasten manchmal aus

Nicht nur Verzicht, sondern Veränderung

Unterschiedliche Menschen verbinden unterschiedliche Ziele mit dem Fasten. Doch selbst das Fasten „aus religiösen Gründen“ bedarf der Erklärung. In den „Weisungen für die kirchliche Bußpraxis“ schreiben die deutschen Bischöfe über die Fastenzeit: „In dieser Zeit suchen wir Christen uns und unseren Lebensstil so zu ändern, dass durch Besinnung und Gebet, Verzicht, Werke der Nächstenliebe und Versöhnung untereinander Christus wieder mehr Raum in unserem Leben gewinnt.“ Es geht also um Veränderung, um unsere Veränderung. Gebet gehört dazu genauso wie Gerechtigkeit, damit das große Fastenziel erreicht wird: dass wir Christus in seinem Reden, Handeln, Fühlen, in seinem Leben ähnlicher werden. Wer die Fastenzeit lediglich auf einige Verzichtaktionen einschränkt, riskiert somit, die anderen Dimensionen dieser Zeit aus dem Blick zu verlieren.

Manche modernen Autoren versuchen, die Fixierung auf den Verzicht von Nahrungsmitteln und Süssspeisen aufzubrechen und zu weiten. Es gibt Verzicht, den wir nicht wählen, sondern der uns aufgezwungen ist. Wer sich in der Fastenzeit die Frage stellt „Was fehlt mir?“, wird genug Antworten finden. Da werden Dinge genauso wie Menschen in den Blick kommen – und vielleicht wird unter den Antworten auch Gott vorkommen. Andreas Knapp, Autor geistlicher Gedichte, hat diese Sicht des Fastens in einen wunderbaren Text gefasst:

Fasten

dass du nicht da bist

das ist mein Fasten

die Abwesenheit des Bräutigams

das Scheitern der Pläne

das Vermissen Gottes

Fastenzeit des Herzens

jeder ist seiner selbst so voll

pathologisches Übergewicht des

Sichwichtignehmens

Selbstgesättigtheit der Seele

Gott aber kann sich uns nur schenken

im Maße unsres Hungers nach ihm

gib dem Ehrgeiz keine Nahrung mehr

bläh das Selbstbild nicht mehr auf

dann lockert die Allsucht den

Giergriff

Abmagerung der Ichpotenz

und es wird Raum

für der Liebe Freilassung

mach dich also dünn

damit Weite wächst

in der dir alles zufällt

leicht wie ein Geschenk

aus: Andreas Knapp: Brennendes Feuer, Echter, 2004 

Jeder Verzicht, der selbstgewählte und der zugemutete, führt uns zu einem Hunger. Jede Übersättigung, an Speisen, an Selbstverliebtheit und Ehrgeiz, verhindert, dass Raum da ist für Andere und für Gott. „Gott aber kann sich uns nur schenken im Maße unseres Hungers nach ihm.“

Mehr Zeit für den anderen

Die christliche Tradition hatte zumindest in der Theorie immer schon in der Fastenzeit mehr gesehen als nur den Verzicht auf gewisse Lebensmittel. Der soziale Aspekt ist bis heute in vielfältigen Spendenaktionen wie Misereor oder dem Fastenessen der Gemeinden spürbar, wo der Ertrag eines einfachen Mittagessens anderen zugute kommen soll. Vielleicht wäre es eine angemessene Fastenaktion, sich mehr Zeit für einen anderen Menschen zu nehmen, um das Miteinander mit ihm versöhnter zu gestalten. Wahrscheinlich würden wir bald merken, wie sehr manche Versöhnungslücke mit Gottes Hilfe geschlossen werden müsste.

Der Prophet Jesaja machte vor über 2500 Jahren mit starken Worten darauf aufmerksam, dass zur Fastenzeit auch ein veränderter Umgang mit den Mitmenschen gehört, dass der Hunger nach mehr Gerechtigkeit die Prüfstelle ist, an der sich zeigt, ob mein Fasten mehr ist als nur eine Fortschreibung der Selbstverliebtheit: „Obwohl ihr fastet, gibt es Streit und Zank, und ihr schlagt zu mit roher Gewalt. So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör ... Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.“ (Jesaja, Kap 58)

Wie uns Hunger öffnen kann

Eine Fastenzeit in dem umfassenden Sinne, wie ihn der eingangs zitierte Text der deutschen Bischöfe meint, wird den Hunger nach Veränderung in mir genauso zu Tage treten lassen wie den Hunger nach einem neuen Miteinander in meiner kleinen und in unserer großen Umwelt. Hunger ist nichts Schönes, er kann weh tun. Aber er kann Hände und Sinne öffnen, um zu empfangen, was zum Leben hilft. Die 40 Tage, in denen Jesus in der Wüste mancher Versuchung ausgesetzt war, dienen oft als Vorbild für christliches Fasten. Der Jesus, der aus dieser Fastenzeit heraustritt, ist ein Mensch, der in Freiheit und Intensität sich anderen Menschen zuwenden kann. Ganz bei sich und ganz bei anderen Menschen zu sein, war für ihn kein Widerspruch und kein kräftezehrender Balanceakt, sondern die Verwirklichung des ganzen Menschseins.

Pater Stefan Tertünte SCJ

Link: Die Herz-Jesu-Priester in Deutschland

Das Beste aus der katholischen Erlebniswelt