Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Paul Zulehner über Ostern

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Samstag, 4. Februar 2012 Veronika
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Paul Zulehner über Ostern

 

"Die Geschichte Gottes mit uns
wird gut ausgehen!"

Der Wiener Professor Paul M. Zulehner ist einer der renommiertesten deutschsprachigen Theologen. Auf Liborius.de beantwortet er Fragen zum Glauben und beleuchtet politische wie gesellschaftliche Ereignisse aus katholischer Sicht. Im ersten Gespräch erklärt er die überragende Bedeutung von Ostern und das nahezu unglaubliche Ereignis der Auferstehung

 

?: Herr Professor, für viele Menschen ist Weihnachten wichtiger als Ostern. Ist das überhaupt richtig?
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Die Menschen sind gut beraten, beide Feste zu schätzen: das Anfangsfest und das Fest vom Sterben und Auferstehen. Die Ostkirche schätzt mehr die Geburt, weil es um die Menschwerdung Gottes in der Geschichte geht. Die westliche Tradition stützt sich stark auf Ostern, die Protestanten schauen dabei besonders auf den Karfreitag, weil es um die Erlösungstat Christi geht. Aber ich glaube, dass sich beides sehr gut zusammenfügt: Sowohl die Menschwerdung als auch die Erlösung sind ja die Kernthemen des Christentums.

?: Was ist so besonders an Ostern?
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Ohne das Osterfest könnten wir eine zu einfache Vorstellung von Erlösung haben: Das Jesuskind kommt zur Welt, wird ein Rabbiner, heiratet Maria von Magdala, und stirbt dann hochgeachtet im Kreise seiner Jünger. Das wäre eine sehr bürgerliche Art von Erlösung. Ich kann sehr viel mit der Vorstellung des griechischen Dichters Kazanztakis anfangen, dass Judas den Herrn verrät, damit Jesus wirklich den Weg der radikalen Hingabe in die Hand Gottes am Kreuz geht. So sind wir durch das Kreuz und die Auferstehung erlöst und nicht durch ein normales, bürgerliches Lebensende eines Rabbis.   

?: An Ostern scheint unter den Jüngern irgendwie eine zwiespältige Stimmung geherrscht zu haben. Sie waren nicht sofort alle total begeistert davon, dass Jesus wieder leben soll. Viele Jünger verstehen das Ereignis noch nicht, manche wie der ungläubige Thomas zweifeln daran.
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Die Stimmung damals war sicherlich lange von dem desaströsen Charakter des Ereignisses der Kreuzigung geprägt. Man muss nur die Erzählung von den Emmausjüngern heranziehen, um zu sehen, wie die Jünger anfangs selbst ratlos waren. Sie zogen sich zurück, und Jesus musste sie über die Frauen ermutigen, an das Ereignis der Auferstehung zu glauben. Das ist alles sehr langsam und diskret übergegangen von der Niederlage, die sie am Karfreitag erlitten haben, hinein in die Freude, dass der Tod Jesu am Kreuz eben nicht das Ende der Geschichte mit Jesus, sondern der eigentliche Beginn gewesen ist.

"Aber von Gott her gesehen hat die Liebe das letzte Wort. Diese Hoffnung lehren uns Ostern und die Auferstehung Jesu"

?: Wie schaffen wir es, dass wir über 2000 Jahre später diese Freude nachempfinden?
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Das Osterfest kann den Menschen in eine sehr gute Grundstimmung bringen. Weil wir uns sagen können: Die Menschen, die ich liebe, werden nicht dem Tod verfallen. Wir werden nach dem Tod im Kraftfeld eines Gottes leben, von dem die Heilige Schrift sagt: Er ist die pure Liebe. Wir sehen durch die Osterbotschaft, dass Gott schon in einem von uns angefangen hat, die Welt in ihr endgültiges Finale, in ihr von Liebe geprägtes Ende zu versetzen. Wir erkennen, dass dieses Finale gut sein wird. Ostern macht uns klar: Die Geschichte Gottes mit uns, mit seiner Welt wird gut ausgehen!

"Wir sind durch das Kreuz und die Auferstehung erlöst und nicht durch das normale, bürgerliche Lebensende eines Rabbis (Foto: StockXpert)

?: Paulus hat im 1. Brief an die Korinther geschrieben: „Wenn Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos.“ Deutliche Worte...
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Es ist eine uralte Sorge der Menschheit, dass der Tod das letzte Wort über den Menschen hat und nicht die Liebe. Das Christentum ist nun so kühn und sagt: Aus der Sicht des Menschen mag es schon sein, dass der Tod das letzte Wort über die Liebe hat. Aber von Gott her gesehen hat die Liebe das letzte Wort. Diese Hoffnung lehren uns Ostern und die Auferstehung Jesu. Das ist eine fundamentale Auskunft für jeden Menschen.

?: Man kann also nicht Christ sein, ohne an die Auferstehung zu glauben?
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Absolut richtig.

?: Es gibt sehr viele Versuche, das unglaubliche Ereignis der Auferstehung zu deuten. Bitte erklären Sie uns Ihre Deutung.
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Jesus hat uns und Gott radikal geliebt. Und zwar so radikal, dass er sich für uns hingegeben hat und in den Tod gegangen ist. Das ist der springende Punkt. Er hat eine ganz aktive Rolle gegenüber Gott, seinem Vater, gespielt. Die Bereitschaft, nicht den eigenen Willen zu leben, sondern sich ganz seinem Vater anzuvertrauen, ist das Entscheidende. Selbst in der letzten Gottverlassenheit des Todes am Kreuz hat er dieses Vertrauen nicht aufgekündigt. Und das ist für uns Christen das Bild, das uns ermutigt, mit einem ähnlichen Vertrauen in den eigenen Tod zu gehen.

"Jeder Mensch, ob Atheist, Buddhist, Hinduist oder Christ, reift im Laufe seines Lebens - ob er das ahnt oder nicht - hinein in diesen auferstandenen kosmischen Christus" (Fotos: stock.xchng)

?: Warum soll ich dieses Vertrauen haben? Was habe ich denn davon, dass Jesus auferstanden ist?
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In den Texten des Apostel Paulus gibt es die Idee, dass am Ende der Geschichte dieser Auferstandene alles in sich aufnimmt. Das heißt: Jeder Mensch, ob Atheist, Buddhist, Hinduist oder Christ, reift im Laufe seines Lebens – ob er das ahnt oder nicht – hinein in diesen auferstandenen kosmischen Christus. Und so wird Christus am Ende die Vollendung der Welt und der Schöpfung sein. Das ist ein wunderbares Bild für jeden Menschen. Karl Rahner hat es einmal so formuliert: „Bisher saßen im Herzen der Welt Tod und Vergeblichkeit. Seit der Auferstehung ist im Herzen, im Innersten der Welt, Christus, der Auferstandene und mit ihm das Leben und die Liebe.“

?: Aber wenn ich mich umsehe, merke ich recht wenig von dieser Erlösung, von dieser Liebe im Herzen der Welt.
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Das hat damit zu tun, dass wir eine Geschichte von der Geburt bis zum Tod haben. Das ist eine Reifungsgeschichte. Wir sind im Grunde unserer Existenz durch die Auferstehung bereits erlöst und geheilt. Aber eben noch nicht völlig. Wir sind noch dabei zu werden, was wir sind.

?: Das klingt sehr abstrakt. Wie soll das einem Menschen im Leid Hoffnung geben?
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Es gibt sehr viele Menschen, die durch so viel Leid in die Enge getrieben sind, dass sie entweder auf das Nichts hoffen, weil das das Ende ihres Leids wäre. Oder diese Menschen hoffen auf eine Umwandlung, durch die sie dann in eine gute Welt gelangen. Für uns ist das die Auferstehung. Die Osterbotschaft ist deshalb für Menschen, die bei aller Verzweiflung ihren letzten Grundoptimismus nicht verloren haben, wie ein Strohhalm. Ein Strohhalm, an dem wir uns festhalten können.

?: Sie haben davon gesprochen, dass die Auferstehung Hoffnung gibt, weil das Leben nach dem Tod nicht zu Ende ist. Was soll das für ein Leben sein?
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Man kann sich das wohl nur schwer vorstellen. Aber es gibt einige Anhaltspunkte, bei denen ich sage: Darauf will ich nicht verzichten. Das Leben nach dem Tod muss irgendetwas mit der Geschichte des jeweiligen Menschen auf dieser Erde zu tun haben. Und so gesehen wird das Leben meiner Meinung nach in der anderen Welt durchaus Erinnerungen an die diesseitige Welt besitzen, aber es wird nicht einfach eine Fortsetzung sein. Was aber konkret sein wird, können wir getrost erwarten.

"Ich muss nicht alles erledigt haben, was auf dieser Erde möglich ist"

?: Wir glauben, dass wir „ganze“ Person, als Leib und Seele auferstehen.
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Dieses Denken spielt heute in der Theologie wieder eine große Rolle: Leib und Seele gehören beim Menschen so zusammen, dass man sich den Menschen gar nicht anders vorstellen kann. Und ich glaube fest, dass der ganze Mensch ein Leben nach dem Tod findet. Wenngleich dieses Leben völlig anders sein wird, als jetzt. Wir haben dann auch einen ganz anderen Leib. Dieser Leib kennt keine Krankheit, keine Gebrechen mehr: Tod und Trauer werden nicht mehr sein.

?: Es geht also nicht um eine Reparatur des alten Körpers, sondern um eine komplette „Neuanfertigung“...
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So kann man das ausdrücken.

?: Aber wenn wir nach der Auferstehung einen ganz anderen Leib haben, ist doch die Frage: Was hat der auferstandene Mensch wirklich noch mit mir selber zu tun?
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Da gibt es in den großen Weltreligionen unterschiedliche Bilder. Die asiatischen Religionen meinen, dass der Mensch so etwas sei wie ein Tropfen, der wieder zurückfällt in das Meer des All-Einen. Wir Christen glauben, dass die Einmaligkeit des Menschen in seiner Freiheit, Würde und Größe unvergänglich bleibt und daher dieser eine Mensch, der hier auf Erden gelebt hat, sich in Ewigkeit als solcher wieder erkennen wird. Viele Leute sagen beispielsweise: Ich möchte mit den geliebten Menschen auch im Himmel verbunden sein. Das geht aber nur, wenn wir unsere Identität behalten. Und ich glaube, dass solch eine Hoffnung begründet ist.

"Es gibt sehr viele Menchen, die durch so viel Leid in die Enge getrieben sind, dass sie auf das Nichts hoffen, weil das das Ende ihres Leids wäre" (Foto: dpa)

?: Sie haben gerade den Begriff „Ewigkeit“ angesprochen. Was bedeutet „ewiges Leben“?
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Es gibt viele Dinge, die ich nicht wirklich denken kann: Liebe oder Angst beispielsweise, auch wenn ich eine Ahnung davon habe. Letztlich ist es auch gar nicht nötig, die Ewigkeit zu denken. Es ist wichtiger zu sagen: Sie wird stattfinden, und sie wird sein – darauf setze ich und lebe auch darauf hin. Das hat übrigens eine sehr angenehme Rückwirkung auf mein Leben. Ich kann als unvollendete Symphonie in den Tod gehen und muss nicht alles erledigt haben, was auf dieser Erde möglich ist.

?: Sie hatten den Gedanken der Auferstehung "kühn" genannt...
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Ja. Das radikal Neue am Christentum ist, dass das, was wir in diesem Menschen Jesus von Nazareth sehen und erleben, im Grunde genommen die Vollendung der Schöpfung und des Menschen sein wird. In diesem Punkt ist das Christentum eine einmalige Religion. Sie sagt: Das, was in Christus passiert ist, wird das bleibende Schicksal der gesamten Welt und aller Menschen sein. Und das ist sehr kühn.

?: Viele Religionskritiker wenden ein, dass durch den Glauben an die Auferstehung und die Ewigkeit eine Verlagerung des Lebens in das Jenseits, eine Weltflucht, stattfindet. Ist der Glauben an die Auferstehung eine Vertröstung?
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Wir bemerken heute eigentlich eine umgekehrte Vertröstung. Wenn Menschen nur noch 90 Jahre haben, in denen sie maximales himmlisches Glück auf Erden in Liebe, Arbeit und Amüsement erleben wollen, ist das eigentlich eine Vertröstung auf das Diesseits. Das Christentum ist nicht angetreten, um den Menschen von der Erde abzulenken, sondern wir leben auf dieser Erde in einer Art Schwangerschaft auf das bleibende Leben hin, das wir „ewiges Leben“ nennen. Und der Übergang heißt Auferstehung.

Interview: Simon Biallowons

Die neuesten Werke von Professor Zulehner:

Paul M. Zulehner: GottesSehnsucht. Spirituelle Suche in säkularer Kultur, Ostfildern 2008.

Paul M. Zulehner: Werden was ich bin. Ein spirituelles Lesebuch, zusammengestellt und herausgegeben, Ostfildern 2008.

 

"Lumen Christi"

Christus ist das Licht der Welt. Durch seine Auferstehung hat er die Finsternis des Todes durchbrochen. Hier erfahren Sie, warum Ostern zentral für unseren Glauben ist

Das Beste aus der katholischen Erlebniswelt