Eine Szene aus dem Religionsunterricht: Der Lehrer erzählt, dass Jesus von einem Mann namens Johannes getauft wurde. Weil dieser Mann auch viele andere Menschen getauft hatte, nannte man ihn auch „Johannes der Täufer“, erklärt der Lehrer. Da meldet sich ein kleines Mädchen und fragt: „Hat der Jesus denn bei der Taufe auch so laut geschrien?“
Die Antwort auf diese Frage ist natürlich rein spekulativ. Aber sie kann dennoch mit großer Sicherheit gegeben werden: Nein, Jesus hat nicht geschrien.
Einmal steht davon nichts in der Bibel. Im ersten Kapitel des Markusevangelium lesen wir folgenden Satz: „In jenen Tagen kam Jesus aus Nazaret in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen.“ (Mk 1,9)
Ein anderer Grund, der einen brüllenden Jesus unwahrscheinlich macht, ist die Tatsache, dass Jesus damals schon ein 30-jähriger Mann war. Die Taufen damals waren Erwachsentaufen, die heutige Praxis kannte man noch gar nicht. Auch die Bedeutung dieser Zeremonie kann mit der heutigen nicht verglichen werden. Jesus wurde nicht über einem kunstvollen Taufbecken übergossen, sondern stieg in den Fluss Jordan. Ihn taufte kein Priester im feierlichen Gewand, sondern ein Mann, der der Überlieferung nach mit Tierfellen behängt war. Von besonderer Festlichkeit keine Spur.
Und doch ist die Taufe Jesu ein sehr wichtiger Tag. Ein Tag, den Johannes der Täufer vorausgesehen hatte. So sagte er einmal zu seinen Bewunderern: „Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren. Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.“ (Mk 1,7-8)
Johannes der Täufer galt bei vielen seiner Zeitgenossen selbst als Meister, manche hielten ihn gar für den großen Befreier aus dem alten Testament, für den Messias. Doch Johannes sagt: Nein, es kommt jemand, der ist stärker als ich. Das Bild dafür ist die Taufe. Während Johannes nur mit Wasser tauft, tauft Jesus mit dem Heiligen Geist.
Dieses Bild wird in den weiteren Sätzen über die Taufe Jesu fortgeführt. Dort steht: „Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ (Mk 1,10-11)
Tierfell statt Stola, Flussbett statt Taufbecken
Diese Szene sagt viel über das nachfolgende Leben und den Glauben an Jesu aus. Zunächst einmal steigt Jesus ins Wasser und lässt sich von einem Menschen taufen. Er reiht sich damit ein in die Gesellschaft der Menschen. Er macht keine Ausnahme, nimmt das Leben an, wie es seinen Zeitgenossen auch beschieden ist. Manche Theologen deuten das Steigen in das Wasser auch als Ausblick auf das Leiden Jesu. Er musste erst hinab in die Fluten des Schmerzes, in die Wogen der Qual, eher er verherrlicht wurde. Und alles nur, weil er sein Geschick dem Wohl der Menschen unterordnete. In jedem Fall aber beginnt mit dem Geschehen am Jordan das öffentliche Auftreten Jesu – und es endet eben auf Golgotha am Kreuz.
Ein anderer wichtiger Aspekt des Festes wird in dem Bild vom Geist als Taube deutlich. Jesus empfängt also als erster durch die Taufe den Heiligen Geist. Aber nicht aus der Hand eines Menschen, sondern aus der Hand Gottes. So ist es auch heute: In der Taufe spendet der Priester zwar das Sakrament, den Geist spendet aber letztlich Gott. Somit kann man vereinfacht sagen: Die Taufe Jesu hat Vorbildcharakter für uns alle. Wollen wir seinem Beispiel folgen, so müssen wir uns taufen lassen.
Zuletzt zeigt sich in den Ereignissen am Jordan auch die besondere Rolle Jesu. Er ist Mensch unter Menschen. Aber eben auch Sohn Gottes. Von ihm ist er geliebt, von ihm ist er gesandt. Dadurch, dass wir Jesu Vorbild folgen und uns auch taufen lassen, treten wir in diese Liebesgemeinschaft ein. Wir bekommen als Unterpfand den Heiligen Geist und binden uns noch enger an Gott den Schöpfer und Jesus seinen Sohn.
Der Abschluss der Weihnachtszeit
Ursprünglich gedachte man der „Taufe des Herrn“ am 13. Januar. Nach dem II. Vatikanischen Konzil wurde das Fest verlegt. Wir gedenken der Taufe nun am Sonntag, der auf das Fest „Erscheinung des Herrn“ folgt. Damit bildet die „Taufe des Herrn“ den Abschluss der Weihnachtszeit.
Simon Biallowons