Was aber bedeutet „Verklärung“? Betrachten wir zunächst einmal die Bibelstelle, in der uns Matthäus eine sehr lebendige Erzählung anbietet. Dort heißt es: Jesus „wurde vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht.“ Die Jünger erschrecken, begreifen wohl aber instinktiv, dass hier etwas Außergewöhnliches geschieht. Tatsächlich wird das Lichtsymbol immer wieder für Jesus verwendet: „Du bist das Licht der Welt“, so heißt es.
Wenig später, so fährt Matthäus fort, bekommt die kleine Reisegruppe Gesellschaft. Doch keine Wanderer oder Pilger, sondern große Gestalten der jüdischen Tradition: Die Propheten Mose und Elija treten heran, sie beginnen eine Unterhaltung mit Jesus. Während die drei noch reden, verändert sich die Szenerie erneut. Eine große Wolke erscheint am Firmament und wirft ihren Schatten über den Berg. Und aus der Wolke ertönt eine Stimme: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören.“
Die Ahnung, die die Weisen aus dem Morgenland hatten, wird hier fortgeführt
Die „Verklärung des Herrn“ trifft mehrere Aussagen. Zunächst einmal ist dieses Fest eine Zwischenstation. Jesus befindet sich auf dem Weg nach Jerusalem. Es ist ein Weg, der ihn in den Tod führt. Jesus weiß das, er hat sein Schicksal längst angenommen. Doch für seine Jünger ist es eine Bestärkung für das, was vor ihnen liegt. Nicht nur durch Gottes Stimme erkennen sie, dass Jesus nicht irgendwer ist. Dass er auch nicht einfach nur ein weiterer Prophet wie Mose oder Elija ist. Sondern der Sohn Gottes. Die Ahnung, die die Weisen aus dem Morgenland an der Krippe hatten, wird hier fortgeführt und weiter verdichtet.
Dabei fällt auf, dass auch das Thema der Angst aufgegriffen wird. Die Jünger fürchten sich vor dem Bild, das sich ihnen bietet. Noch sind sie nicht bereit, das Geschenk, das ihnen Gott mit seinem Sohn macht, in seiner ganzen Tragweite zu begreifen. Und doch ertönt die Stimme: „Habt keine Angst.“ Die „Verklärung des Herrn“ zeigt uns wieder eines: Auch wenn wir vielleicht das Wirken und Auftreten Gottes nicht fassen können, so dürfen wir sicher sein, dass er es gut mit uns meint. Dass er unsere Glückseligkeit will.
Das erlösende Ende steht noch aus, doch es ist in Jesus angebrochen
Ein Stück dieser Glückseligkeit wird dabei auf dem Tabor schon angedeutet. Nach der christlichen Vorstellung ist nämlich die „visio beatifica“, die glückseligmachende Schau Gottes im Himmel, die große Verheißung des Menschen. Auf dem Tabor erhalten die Jünger nun einen kleinen Vorgeschmack davon. Diese Gottesschau verändert nach christlichem Verständnis den Menschen radikal, denn der Mensch blickt Gott nicht einfach von außen an. Nein, er nimmt an der Herrlichkeit teil – übrigens in klarer Abgrenzung zum Islam, der kein „transformierendes“ Verständnis der Gottesschau kennt.
Diese „Schau“ währt ewig, auch das im Unterschied zum muslimischen Glauben. Auf dem Berggipfel hingegen stellt die Gottesschau, also diese bei Matthäus angedeutete Erscheinung Jesu, nur einen kurzen Augenblick dar. Den Jüngern allerdings genügt dieser Moment schon. Petrus bietet an, Jesus und den beiden Propheten eine Hütte zu bauen. Er will das Licht, das er gesehen hat, nicht mehr verlieren. Doch Jesus macht klar: Das war noch nicht alles. Noch habt ihr das Licht nur gesehen – aber eben noch nicht wirklich erlebt. Und damit sagt uns die „Verklärung des Herrn“ eben auch: Noch ist die Zeit nicht gekommen. Wir haben, ähnlich wie in der Reich-Gottes-Botschaft angedeutet, schon ein Stück Gottes Herrlichkeit erfahren. Aber das erlösende Ende steht noch aus. Doch es ist in Jesus angebrochen – wir müssen ihm nur auf den Berg folgen und dürfen keine Angst haben.
Simon Biallowons