Ab wann kann ein Kind überhaupt Beten lernen?
Von Anfang an, spätestens ab dem Moment, in dem das Kind „Mama“ und „Papa“ sagt und Ein- beziehungsweise Zweiwortsätze bildet, kann ich ihm zunächst mal nur den Satz beibringen: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ Oder wenn man das Kind abends ins Bett bringt, dass es ganz einfach sagt: „Lieber Gott, ich danke dir für alles. Gute Nacht.“ Diesen Satz kann man mit der Zeit dann erweitern, zum Beispiel: „Ich danke für Papa und Mama“, oder: „Ich bitte dich um Gesundheit für kranke Leute“, oder auch: „Lieber Gott, ich möchte mithelfen, dass die Leute nicht mehr so viel Abfall wegwerfen“. Wie der Verstand und das Gedächtnis des Kindes zunehmen, so sollen Eltern auch die Ebene des Gebets und des Glaubens mitwachsen lassen. Sie schaffen damit die Grundlage für eine Bewusstseinsbildung, durch die das Kind beispielsweise lernt: Schöpfung ist etwas, das mir nicht einfach zusteht, sondern das alles ist mir geschenkt.
Inwiefern sollte und kann man Kindern schon die Inhalte der Bibel vermitteln?
Die Bibel ist das wichtigste Fundament unseres Glaubens. Natürlich kann ich einem Kind keinen hochgestochenen theologischen Kommentar vorlesen. Aber es gibt ja ganz tolle Kinderbibeln. Und dann kann man, genauso wie man Märchen und Sagen vorliest, die Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament vorlesen. Mit der Zeit werden die Kinder von sich aus Fragen dazu stellen. Fragen, die Eltern auch mal überfordern. Da ist es ganz wichtig, ehrlich zu sein und zu sagen: „Du, da weiß ich selbst keine Antwort, da muss ich selbst erst mal nachschauen.“ Da lernt das Kind: Mama und Papa wissen auch nicht alles und müssen fragen. Wenn die Eltern auf alles immer sofort eine Antwort parat haben, sind sie für ihr Kind unerreichbar. Das könnte auch frustrierend sein.
Gibt die Bibel eigentlich einen Hinweis darauf, in welchem Alter man getauft werden sollte?
Jesus wurde im Jordan als erwachsener Mensch getauft. Im Urchristentum war es immer die Erwachsenentaufe. Man hat die Taufbewerber – die sogenannten Katechumenen – ein Jahr lang vorbereitet und in der Osternacht getauft. Dann kam eine Zeit, in der die Kindersterblichkeit extrem hoch war. Weil man wollte, dass keines der Kinder verloren geht, hat man schon die Allerkleinsten getauft
Heute dagegen entscheiden sich Eltern häufig gegen die Kleinkindtaufe. Sie wollen ihrem Kind später die Entscheidung selbst überlassen, ob es getauft werden soll. Wie denken Sie darüber?
Ich kann zum Kind nicht sagen: „Möchtest du einen roten oder einen blauen Pullover?“, wenn es weder einen roten, noch einen blauen Pullover bislang gesehen hat. Das heißt, ein Kind kann sich später nur für oder gegen die Gemeinschaft der Christen entscheiden, wenn es weiß, was die Gemeinschaft der Christen auszeichnet oder welche Alternativen es gibt. Ich habe hier in der Gemeinde eine Familie mit vier Kindern, die Mutter ist evangelisch, der Vater katholisch. Die Kinder sind zwar evangelisch getauft, aber noch nicht konfirmiert oder gefirmt. Die Kinder gehen regelmäßig in die evangelische und die katholische Kirche, lernen beide Sichtweisen kennen. Die Eltern sagen, sie sollen sich später selbst mal entscheiden, welcher der beiden Kirchen sie angehören wollen. Das finde ich stark. Und die Kinder sagen: „Das ist gar keine so leichte Entscheidung.“
Aber getauft sind sie ja trotzdem schon mal ...
Ja, getauft schon, aber noch nicht gefirmt. Firmung heißt ja dann letztendlich: Jetzt mache ich den „Führerschein“, jetzt bin ich dann ganz und gar allein dafür verantwortlich, wie ich den Glauben lebe.
Aber die meisten Eltern, die ihrem Kind die Taufentscheidung überlassen, tun dies, weil sie selbst mit Kirche nichts anfangen können. Von ihnen wird das Kind nichts über den Glauben lernen und sich daher später mit einer Entscheidung schwer tun. Ist das von den Eltern also nicht verlogen?
Wenn Eltern selbst unschlüssig sind oder sagen: „Wir gehen selbst nicht in die Kirche, wir halten nicht so viel davon, und nur wegen des sozialen Drucks machen wir das nicht“, dann muss ich sagen, das ist konsequent. Ich würde diese Entscheidung für ehrlich ansehen. Viele Eltern stehen vor der Kirchentür und versprechen, ihr Kind im Glauben zu erziehen. Und dann sind sie nie in der Kirche anwesend und interessieren sich nicht für die Gemeinde und den Glauben bis zur Erstkommunion. Das ist für mich eine verlogene Geschichte.
Nicht nur die Eltern versprechen, das Kind im christlichen Glauben zu erziehen und zu begleiten, sondern auch der Pate. Inwiefern kann er sich einbringen?
Indem er das Kind mit seiner Lebensweise begleitet und ihm – wie die Eltern – Vorbild ist im Glauben. Es ist etwas sehr Schönes, wenn man einen Paten hat, dem man vertrauen und mit dem man über viele Dinge sprechen kann. Der nicht bloß da ist am Geburtstag und sagt: „Hallo, da ist der Geldbeutel.“ Patenschaft heißt für mich mehr – ich stehe für jemanden Pate und bin ganz und gar für dich da
Sie selbst haben auch ein Patenkind. Wie sehen Sie Ihre Rolle als Patenonkel?
Das Gespräch mit meinem Patenkind ist ganz wichtig für mich. Inzwischen ist es erwachsen, wir haben ein paar Mal im Jahr Kontakt zueinander. Wir haben immer sehr offen und deutlich miteinander reden können. Mein Patenkind hat mir Vieles erzählt und mich reinschauen lassen in sein Leben, das war klasse. Dadurch hat es mich auch viel gelehrt. Patenschaft ist also auch ein gegenseitiges Geben und Nehmen und ist für mich als Patenonkel eine große Bereicherung.
Paten stehen oft auch unter dem Druck des Schenkens. Was sind sinnvolle Geschenke zur Taufe?
Zunächst einmal ist es sinnvoll, wenn man die Geschenke vorher mit den Eltern abstimmt. Denn auch als Pate darf man nicht einem Herzenswunsch der Eltern vorgreifen. Schöne Geschenke sind zum Beispiel geschnitzte Holzfiguren oder Hinterglasbilder von Heiligen, wenn man da den Namenspatron des Kindes auswählt. Oder ein kleiner Anhänger mit einem Schutzengel drauf. Ein typisches Geschenk zur Taufe ist aber auch ein Weihwasserkessel fürs Kinderzimmer. Das Wasser erinnert uns an die Taufe. Der Pate kann aber auch – sofern ihm das möglich ist – regelmäßig auf sein Patenkind aufpassen. Das entlastet die Eltern und der Pate kann die Zeit sinnvoll mit seinem Patenkind verbringen, indem er was vorliest, mit ihm spielt, betet und so weiter. Zeitgeschenke sind die wertvollsten Geschenke.
Interview: Anna Böhm
* Pater Alois Andelfinger cmf ist Superior im Claretiner-Kloster am Wallfahrtsort Dreifaltigkeitsberg am Rande des Schwarzwalds. Neben der Erwachsenenbildung beschäftigt er sich auch mit den Themen Jugend und Spiritualität, Themenzentrierte Interaktion (TZI) und Coaching in sozialen und kirchlichen Handlungsfeldern. Pater Alois Andelfinger cmf leitet das geistliche Zentrum im Claretiner-Kloster am Wallfahrtsort Dreifaltigkeitsberg.