Tony Blair ist zum katholischen Glauben übergetreten. Was viele überraschte, war in Wahrheit ein längst überfälliger Schritt. Das LiMa-Porträt in voller Länge
Es war eine kleine private Zeremonie. Die heilige Messe in der Kapelle des erzbischöflichen Hauses von Westminster zelebrierte Kardinal Cormac Murphy-O’Connor, das Oberhaupt der katholischen Kirche von England und Wales. An diesem 21. Dezember 2007 wurde der Anglikaner Tony Blair Katholik.
Seine Konvertierung zum katholischen Glauben nur sechs Monate, nachdem er als britischer Premierminister abtrat, wird oft dem Einfluss seiner katholischen Frau zugeschrieben. Cherie Blair hatte während der Amtszeit ihres Mannes in Downing Street Nummer 10 nie einen Hehl aus ihrem Glauben gemacht. Gegen den Willen der politischen Berater, die einen Verlust der Wählergunst befürchteten, bestand sie beispielsweise darauf, ihre vier Kinder auf katholische Schulen zu schicken. Im Gegensatz dazu hatte Blair seinem offiziellen Sprecher zufolge „mit Gott nichts am Hut“ .
Obwohl sie in einem sehr gläubigen Elternhaus aufgewachsen war, bemerkte Cherie Blair oft, sie sei nicht der strenggläubige Christ in ihrer Ehe. Als sich die beiden als junge Anwälte trafen, hatte sie aufgehört, ihren Glauben zu praktizieren, wie sie einräumt. „Wenn ich nach Hause kam, besuchte ich die heilige Messe, nicht aber, wenn ich in London war. Und ich hatte keine besonderen Schuldgefühle dabei.“
Ihr zukünftiger Ehemann hingegen war streng christlich. Dabei war der anglikanische Glaube in Tony Blairs Kindheit nur eine Nebensache. Während Cherie als Studentin gegen den Glauben ihres Elternhauses rebellierte, zeigte Tony Blair überhaupt nur ein einziges Mal großes Interesse am christlichen Glauben: In seinem zweiten Jahr als Student wurde er anglikanisch konfirmiert.
Es war die Religion, die ihn in die Politik gebracht hat, nicht der Sozialismus
Nach ihrem Studium schweißte die Religion Tony und Cherie Blair zusammen. Instinktiv verbanden die beiden die Werte der Evangelien mit sozialem Engagement und Politik. Wie sie sich erinnert, gehörte das zu dem, was sie aneinander anziehend fanden. Und wie so oft war er die treibende Kraft dabei. „Der katholische Glaube gab uns die Hoffnung, dass wir alle gleich sind“, sagt sie über ihre Erziehung. Ersetzt man „katholisch“ durch das Wort „christlich“, hätte der junge Tony Blair diese Worte genauso gut sagen können. Es war die Religion, die ihn in die Politik gebracht hat, nicht der Sozialismus.
Tony und Cherie Blair heirateten in einer anglikanischen Kirche. Das war ungewöhnlich für gemischte Ehen in Britannien, wo sich für gewöhnlich die strengeren Einstellungen der katholischen Kirche gegenüber den toleranteren Haltungen der Kirche von England durchsetzen. Wenn es aber darum ging, den christlichen Glauben zu leben, favorisierten beide das Katholische. Das galt vor allem für die Erziehung ihrer Kinder.
Dafür gab es praktische Gründe. Besonders in London, wo die Blairs in den 80ern und 90ern lebten, genießen katholische Schulen einen guten Ruf bei Eltern mit akademischem Hintergrund. Wahrscheinlich dachten die beiden, dass es ihre Kinder mit einer katholischen Erziehung im Leben besser haben würden, und sie begannen katholische Gottesdienste zu besuchen.
Ein dritter Grund, weshalb die Blairs Mitglieder der katholischen Pfarrei in Highbury im Norden Londons wurden, obwohl Tony Blair noch Anglikaner war: Die katholische Soziallehre – oft beschrieben als „ihr am besten gehütetes Geheimnis“ – stimmte eher mit den politischen Überzeugungen des Ehepaares überein als die unverbindlicheren Lehren der englischen Staatsreligion. „Ich wollte, dass meine Kinder katholisch sind“, sagt Cherie Blair. „Ich wollte zum Teil natürlich, dass sie so denken wie ich. Aber ich wollte auch nicht, dass sie sich zu wohl fühlen. Sie sollten diese Entschiedenheit in ihrem Leben haben, die besonders in der katholischen Soziallehre zu finden ist.“
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