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Erster Blick auf "Caritas in veritate"

Papst schlägt Weltinstanz
zur Steuerung der Globalisierung vor

Erzbischof Reinhard Marx lobt die Sozialenzyklika. Seine Würdigung sehen Sie im Video (KNA)

Vatikanstadt (KNA) Angesichts der globalen Wirtschaftskrise schlägt Papst Benedikt XVI. die Gründung einer weltweiten Steuerungsinstanz vor. Eine solche politische Weltautorität sei notwendig, um die Weltwirtschaft zu lenken, die von der Krise betroffenen Volkswirtschaften zu sanieren und einer Verschlimmerung der Krise vorzubeugen. Diesen Vorschlag macht der Papst in seiner ersten Sozialenzyklika, die am Dienstag im Vatikan vorgestellt wurde.

Er führt aus, eine solche «übergeordnete Stufe internationaler Ordnung» solle dem wachsenden weltweiten Ungleichgewicht gegensteuern, Abrüstung voranbringen, Sicherheit und Frieden fördern, Umweltschutz gewährleisten und Migrationsströme regulieren. So könne eine moralische Sozialordnung, wie sie schon in den Statuten der Vereinten Nationen gefordert werde, endlich verwirklicht werden.

Im Mittelpunkt des Fortschritts müssten stets der Mensch und seine ganzheitliche Entwicklung stehen, bekräftigt Benedikt XVI. in dem seit langem erwarteten Grundsatzpapier, das nach seinen lateinischen Anfangsworten den Titel «Caritas in veritate» (Die Liebe in der Wahrheit) trägt. Die menschliche Person sei «das erste zu schützende und zu nutzende Kapital», heißt es in dem Schreiben, das in seiner italienischen Ausgabe 142 Seiten umfasst.
Ausdrücklich warnt Benedikt XVI. vor Fatalismus oder einem blinden Widerstand gegen die Globalisierung. Die weltweite Vernetzung sei in sich weder gut noch schlecht, sondern werde zu dem, was die Menschen daraus machen. Ausschließliches Profitstreben, das nicht auf das Allgemeinwohl ausgerichtet sei, laufe Gefahr, Vermögen zu zerstören und Armut zu schaffen.



Die Kirche habe zu Globalisierung und Wirtschaftskrise keine technischen Lösungen anzubieten, stellt der Papst klar. Aber sie habe eine «Mission der Wahrheit zu erfüllen» und setze sich zum Wohl der Menschen für Gerechtigkeit, Solidarität und Subsidiarität ein. Ohne Gott drohe der Fortschritt unmenschlich zu werden.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise lässt nach Einschätzung von Benedikt XVI. schwerwiegende Verzerrungen und Missstände erkennen. Diese erforderten Veränderungen und strukturelle Erneuerung. Eine weltweite Ausbreitung von Wohlstand dürfe nicht durch Projekte gebremst werden, die von Einzelinteressen geleitet sind.



Ernüchternd fällt die Analyse des Papstes über die Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte aus. «Absolut gesehen nimmt der weltweite Reichtum zu, doch die Ungleichheiten vergrößern sich. In den reichen Ländern verarmen neue Gesellschaftsklassen, und es entstehen neue Formen der Armut.» In ärmeren Regionen wachse der Kontrast zwischen konsumorientierter Überentwicklung einzelner Gruppen und dem Skandal ungeheuren Elends. Gleichzeitig werde das soziale Netz immer schwächer. Auch internationale Hilfen würden nicht selten verantwortungslos zweckentfremdet.



Geändert hat sich nach Überzeugung des Papstes auch das Unternehmerbild. Es gebe eine neue Klasse von Managern, die sich oft nur nach den Anweisungen der Hauptaktionäre richte. Als skandalös beklagt Benedikt XVI. Spekulationen, Wucher, Dumpinglöhne und eine rein profitorientierte Auslagerung von Arbeit in andere Regionen - zum Schaden der Menschen vor Ort. Doch nicht nur Unternehmer hätten
eine soziale Verantwortung, betont der Papst, sondern auch die Konsumenten. Das gelte für Kaufentscheidungen wie für die Vermarktung von Dritte-Welt-Produkten. Hier sieht Benedikt XVI. auch eine neue Rolle für die Gewerkschaftsbewegungen.



Zu Entwicklung gehört für Benedikt XVI. auch der Schutz der Umwelt und des Klimas. Der Menschen müsse die Schöpfung verantwortungsvoll steuern, schützen, nutzen und kultivieren, um der Bevölkerung Nahrung und angemessenes Wohnen zu ermöglichen. Es gehe nicht um eine Vergötterung der Natur; sie sei keinesfalls wichtiger als der Mensch. Jedoch müsse die heutige Gesellschaft ernsthaft ihren Lebensstil überdenken.

Entwicklung werde wesentlich vom technischen Fortschritt mitbestimmt, erinnert der Papst. Zugleich warnt er vor einer überzogenen Technikgläubigkeit. In der Globalisierung scheine die Technik die bisherige Rolle und Macht der Ideologien zu übernehmen. Sie dürfe freilich nur moralisch verantwortlich genutzt werden. Das gelte besonders für den Bereich Bioethik, «wo auf radikale Weise die Möglichkeit einer ganzheitlichen menschlichen Entwicklung selbst auf dem Spiel» stehe. Bei künstlicher Befruchtung, Embryonenforschung oder Klonen des Menschen stoße der Absolutheitsanspruch der Technik an Grenzen.

 

Die Enzyklika im Wortlaut finden Sie auf der Seite des Heiligen Stuhls

 

 

Deutsche Bischöfe nennen
Enzyklika «großartig»

Freiburg (KNA) Die Deutsche Bischofskonferenz hat die neue Enzyklikades Papstes als «großartiges Werk» begrüßt. Benedikt XVI. habe eine«höchst eindrucksvolle, in der gegenwärtigen Krise hochaktuelle»Botschaft vorgelegt, sagte der Konferenz-Vorsitzende ErzbischofRobert Zollitsch am Dienstag vor Journalisten in Freiburg. DasSchreiben betone die ganzheitliche Sicht des Menschen und stelleeinen wichtigen Beitrag zu den Vorteilen und Gefahren derGlobalisierung dar. Nicht zuletzt der Zeitpunkt der Veröffentlichungam Vortag des G-8-Gipfels im italienischen L'Aquila unterstreichedie Dringlichkeit des Anliegens, so der Freiburger Erzbischof.

Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx sieht in der ersten Sozialenzyklika des Papstes ein «moralisches Ausrufezeichen zur rechten Zeit». Das Dokument sei «kein Jammerbrief über die Schlechtigkeit der Welt», erklärte Marx am Dienstag in München. Das Schreiben «Caritas in veritate» (Liebe in Wahrheit) ermutige vielmehr alle Menschen guten Willens, die Globalisierung verantwortlich zu gestalten. Dabei gebe Benedikt XVI. kein politisches Programm vor, zeige aber die Richtung an, in der nun auch angesichts der Wirtschaftskrise weitergedacht werden müsse.

Insbesondere biete das Schreiben «Rückenwind» für Überlegungen zur Ausgestaltung einer weltweit verbindlichen Ordnung, sagte der Erzbischof. Dabei geht es laut Marx nicht um neue Institutionen, sondern um die Weiterentwicklung bestehender Einrichtungen der UNO wie der Welthandelsorganisation WTO. Die Schaffung einer Weltautorität habe schon Johannes XXIII. 1961 angeregt, was damals aber sehr umstritten gewesen sei. Bemerkenswert sei, dass Benedikt
XVI. auch zu einer stärkeren internationalen Organisation der Gewerkschaften aufrufe.

«Überrascht» zeigte sich Marx von der Anregung des Papstes, über neue Formen marktwirtschaftlichen Handelns nachzudenken. Es fordere sein Denken heraus, so der Erzbischof und Sozialwissenschaftler, dass es nach den Worten von Benedikt XVI. nicht nur profitorientierte, sondern auch gemeinnützige Unternehmen im Weltmaßstab geben könnte.

Große Bedeutung misst Marx auch der theologischen Grundlegung des Dokuments bei. Darin werde das Anliegen des Papstes deutlich, die Katholische Soziallehre nicht auf ein Sammelsurium politischer Forderungen zu reduzieren. - Marx leitet die Kommission der Deutschen Bischofskonferenz für gesellschaftliche und soziale Fragen.

 

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