19. August 2018 Bernhard von Clairvaux, Hugo

Nicht immer ist der Weg das Ziel

CHRISTENTUM


Anders als im Islam oder im Judentum sind die christlichen Pilgerstätten häufig Schauplatz legendärer Erscheinungen, häufig von Marienerscheinungen. Die „Basilika der Jungfrau von Guadalupe“, das Nationalheiligtum Mexikos, ist eines der bedeutendsten Marienheiligtümer der Welt. Sagenhafte 20 Millionen Christen pilgern Jahr für Jahr nach Villa de Guadalupe. Im nördlichen Vorort von Mexiko-Stadt auf dem Berg Tepeyac erschien dem 57-jährigen Indio Juan Diego der Legende nach am 9. Dezember 1531 die Gottesmutter Maria.

Auch Lourdes ist einer der weltweit am meisten besuchten Wallfahrtsorte. Die französische Kleinstadt im Département Hautes-Pyrénées in der Nähe der spanischen Grenze war ebenfalls Ort einer Marienerscheinung. 1858 soll hier Bernadette Soubirous bei der Grotte Massabielle mehrfach eine weiß gekleidete Frau erschienen sein, die sich ihr als Mutter Jesu offenbart haben soll. Die Gemeinde Lourdes zählt mit rund fünf Millionen Übernachtungen jährlich nach Paris die meisten Übernachtungen in ganz Frankreich.

Im portugiesischen Fatima wurden 1917 drei Hirtenkinder auf einem freien Feld Zeugen einer Erscheinung der Jungfrau Maria. Die Gottesmutter befahl den Dreien, künftig an jedem 13. des Monats an diesen Ort zurückzukommen. Inzwischen ist Fatima einer der bedeutendsten katholischen Wallfahrtsorte. 2007 wurde gegenüber der alten Kathedrale die neue Kirche Igreja da Santissima Trindade eingeweiht. Sie ist mit annähernd 9.000 Sitzplätzen die viertgrößte katholische Kirche der Welt. Zwischen den beiden Kirchen befindet sich zudem der größte Kirchenvorplatz der Welt.

Das Heiligtum von Fatima. – Foto: falco-pixabay.com

 

ISLAM


Ihre Gebete richten die Muslime gen Mekka, den Geburtsort des Propheten Mohammed. Doch damit nicht genug: Wenigstens einmal in seinem Leben sollte jeder gläubige Muslim, so er es sich leisten kann, die 1,4-Millionen-Einwohner Stadt in Saudiarabien besuchen. Die Al-Haram-Moschee in Mekka mit dem Heiligtum, der Kaaba, ist der zentrale Wallfahrtsort des Islams.

Bei der Haddsch, der „Großen Pilgerfahrt“, pilgern alljährlich etwa 2,5 Millionen Muslime nach Mekka. Die Große Pilgerfahrt ist die fünfte der „Fünf Säulen des Islam“ und findet jährlich während des Monats Dhu l-hiddscha statt. Bei der „Kleinen Pilgerfahrt“ ist ebenfalls Mekka das Ziel, jedoch umfasst sie weniger Riten als die Haddsch und kann das ganze Jahr über durchgeführt werden.

Während der Haddsch besuchen die Pilger auch die „Moschee des Propheten“ in Medina, den zweitheiligsten Ort für Muslime. Hier befindet sich das Grab Mohammeds. Die ursprüngliche Moschee auas dem Jahr 622 wurde im Laufe der Zeit beträchtlich erweitert und bietet heute 600.000 Menschen Platz. Mittlerweile befindet sich der bedeutendste Teil, das Grab Mohammeds, in einem eigens errichteten Bau mit einer grünen Kuppel. Dort sind auch die ersten beiden Kalifen Abu Bakr und Umar ibn al-Chattab bestattet.

Eine dritte bedeutende Pilgerstätte des Islams befindet sich in Jerusalem. Deshalb wird die al-Aqsa-Moschee auch als „die ferne Kultstätte“ bezeichnet. Sie gilt als drittwichtigste Moschee des Islams.
Darüber hinaus kennen verschiedene Strömungen des Islams noch weitere Wallfahrtsorte, etwa Heiligenschreine, Grabstätten oder andere Orte, an denen Heilige wirkten. Diese werden jedoch von den meisten Anhängern des sunnitischen Islams abgelehnt, weil dadurch die Allmacht Allahs infrage gestellt sehen.

Die Schiiten, die zweitgrößte Gruppe der Muslime, glauben an die zwölf Imame, eine Linie von zwölf Nachfolgern Mohammeds aus dessen Geschlecht. Sie beginnt mit Ali, Mohammeds Schwiegersohn. Die Imam-Ali-Moschee befindet sich in Nadschaf, im Irak. Um Alis Sohn Hussein entwickelte sich ein Märtyrerkult: Im Gedenken an seinen Tod versammeln sich schiitische Muslime am Gedenktag Aschura zu öffentlichen Selbstgeißelungs-Prozessionen in Kerbala, wo sich auch der Imam-Husain-Schrein befindet.

 

JUDENTUM


Im jüdischen Glauben ist das Pilgern von Anfang an fest verankert. In den Erzählungen des Alten Testaments sind sämtliche bedeutenden Figuren immer auf Achse. Schon die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob waren ständig unterwegs. Selbst wenn sie, wie Moses beim Auszug aus Ägypten, den Weg nicht kannten, erlebten sie auf ihren Zügen die Gegenwart Gottes.

Später wird der Tempel in Jerusalem zu einer Stätte der Anbetung Gottes. Er ist wichtigstes Pilgerziel für die Juden der Antike. In der Zeit des Zweiten jüdischen Tempels gehörte das Pessachfest zusammen mit Schawuot (Wochenfest) und Sukkot (Laubhüttenfest) zu den drei israelitischen Wallfahrtsfesten, an denen die Gläubigen zum Jerusalemer Tempel auf dem Tempelberg pilgerten.

Die Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahre 70 bedeutete das Ende dieser traditionellen Wallfahrten. Fortan verteilten sich die Pilgerströme auf die Gräber von Propheten, Patriarchen oder Märtyrern. Seit der Eroberung Jerusalems durch die Israelis im Jahr 1967 ist das letzte Überbleibsel des Zweiten Tempels, die Klagemauer (Kotel), auch für jüdische Besucher wieder zugänglich. Den Juden in aller Welt dient das 18 Meter hohe und 48 Meter lange Mauerwerk weiterhin als Symbol für den Bund Gottes mit dem Volk Israel.

Blick auf Jerusalem. – Foto: reijotelaranta-pixabay.com

 

BUDDHISMUS

Buddhisten sind Orte besonders wichtig, an denen der Religionsstifters Siddhartha Gautama, auch „Buddha“ genannt, gewohnt oder etwas Bedeutendes erlebt oder getan hat. Seine Lehre hatte die Weltreligion des Buddhismus begründet. Das Pilgern ist für Buddhisten keine Pflicht. Die vier berühmtesten Buddha-Stätten liegen in Lumbini in Nepal und in Bodhgaya, Sarnath bei Benares und Kushinagara in Indien. Ein langer Pilgerrundweg führt über die japanische Insel Shikoku.

 

HINDUISMUS


Für Hindus ist die Pilgerfahrt, Jatra genannt, ein elementarer Bestandteil der religiösen Praxis. Die Zahl der Pilgerstätten (Tirthas) ist nahezu unbegrenzt. Historische Überlieferungen berichten beinahe etwas spöttisch: Indien sei so voll von Wallfahrtsorten, dass es dort nicht einmal ein Fleckchen von der Größe eines Sesamkorns ohne Tirtha gebe.

Viele Heilige Stätten der Hinduisten befinden sich in Wassernähe. Durch die Bezeichnung „Tirtha“, das übersetzt „Furt“ bedeutet, ist die Verbindung von Heiligtum mit Wasser schon nominell immer gegeben. Sie liegen meist an Flußufern, Küsten, Stränden – oder auf Bergen. Zu den beliebtesten Pilgerstätten gehören der See bei Puschkara, an dem sich der einzige verbliebene Tempel für Brahma, den Schöpfer, befinden soll.

Zu den wichtigsten hinduistischen Pilgerzentren und als besonders gnadenreicher Wallfahrtsort gilt auch Puri im Osten des Subkontinents. Jeden Sommer findet hier das weltbekannte Rath-Yatra-Fest statt.
Im Nordosten, im Bundesstaat Uttar Pradesh direkt am Ganges, liegt Varanasi, eine der ältesten Städte Indiens. Varanasi gilt als Stadt des Gottes Shiva Vishwanat („Oberster Herr der Welt“) und als eine der heiligsten Stätten des Hinduismus. Seit mehr als 2.500 Jahren pilgern Gläubige hierher. Hier im Ganges zu baden soll von Sünden reinigen, in Varanasi zu sterben und verbrannt zu werden, ist der hinduistischen Mythologie zufolge, der Ausbruch aus dem ständigen Kreislauf der Wiedergeburt.