22. Juni 2017 Thomas Morus

Ökumene: „Alle sollen eins sein“

Was ist eigentlich Ökumene? Ein Interview mit Pater Max Cappabianca OP. Er arbeitet in der vatikanischen Ostkirchenkongregation.

Wie definieren Sie Ökumene?

Ökumene ist das Bemühen der christlichen Konfessionen, die Einheit der Kirche Jesu Christi wiederzugewinnen, gemäß dem Wort Jesu „Alle sollen eins sein“ (Johannesevangelium 17,21). Es gibt allerdings unterschiedliche Meinungen, wie diese Einheit aussehen soll.

Die Geburtsstunde der Ökumene liegt erst hundert Jahre zurück. Wie hat sie sich bis heute entwickelt?

Was vor hundert Jahren noch undenkbar war, ist heute Alltag in den Gemeinden: Enge Zusammenarbeit in Caritas, Glaubensvermittlung und Gottesdienst: Eine positive Folge des Dialogs unter theologischen Fachleuten und des Gebets um die Einheit

Wie viele verschiedene christliche Konfessionen gibt es auf der Welt?

Grob gesprochen gibt es drei große Kirchenfamilien: 1) die katholische Kirche, 2) die altorientalischen und orthodoxen Kirchen und 3) zahlreiche Konfessionen protestantischer Prägung.  Ein wichtiger Zusammenschluss ist der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) mit Sitz in Genf. Ihm gehören 349 Konfessionen an. Die katholische Kirche gehört nicht dazu, nimmt aber an einigen wichtigen Beratungen teil. Allerdings ist es schwer, eine genaue Zahl zu nennen, weil sich grade im protestantischen Bereich immer wieder vieles ändert.

Wo finde ich einen guten Überblick über verschiedene christliche Konfessionen?

Auf der Homepage des ÖRK in Genf (www.oikoumene.org) finden sich ausführliche Informationen über die verschiedenen kirchlichen Familien. Eine Liste der Mitgliedskirchen des Arbeitskreises christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) findet sich auf deren Homepage (www.oekumene-ack.de). Gute Infos bieten auch die Ökumene-Institute der beiden großen Kirchen in Deutschland: Das katholische Möhler-Institut in Paderborn (www.moehlerinstitut.de) und das evangelische Konfessionskundliche Institut in Bensheim: (www.ki-bensheim.de).

Welche sind die extremen Richtungen der Ökumene?

Extrem ist sicher die Meinung, dass einzig und allein die eigene Kirche die wahre Kirche Christi sei und dass alle anderen Kirchen notwendig zur Verdammnis führten. Ein anderes Extrem ist zu glauben, es sei unerheblich, wie andere Konfessionen sich selber verstehen und es könne in Glaubensfragen gar keine Verbindlichkeit geben. In beiden Fällen führt die eigene Überheblichkeit letztlich zum Gesprächsabbruch.

Wo liegen die aktuellen Streitpunkte?

Ein wichtiger Streitpunkt ist das Papstamt. Für nichtkatholische Christen wird der Papst als ein Hindernis für die Einheit angesehen. Für Katholiken hingegen steht der Papst vor allem in Dienst an der vollen sichtbaren Einheit.

Im Amtsverständnis gibt es deutliche Unterschiede zwischen Katholiken und Orthodoxen einerseits und Protestanten andererseits. Diese sehen das kirchliche Amt nicht als Sakrament an. Auch in der Lehre von der Eucharistie bestehen Unterschiede in Lehre und Praxis, die eine gemeinsame Kommunion bisher unmöglich machen. Daneben gibt es noch viele weitere theologische Streitfragen, die in den Dialogkommissionen diskutiert werden und über die im Laufe der Jahre zahlreiche Konsensdokumente veröffentlich worden sind

Können Sie ein Beispiel für ein solches Konsensdokument nennen?

Das berühmteste Dokument ist die Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die 1999 vom Vatikan und dem Lutherischen Weltbund unterzeichnet wurde. Inzwischen haben sich auch weitere Kirchenbünde der Erklärung angeschlossen.

Was halten Sie von dem Satz: Ohne Unterschiede kann es keine Ökumene geben?

Es ist ein weiser Satz, der die Notwendigkeit von Einheit in der Vielfalt unterstreicht. Für mich als Katholik ist meine eigene Kirche ein gutes Beispiel dafür: Anders als viele denken herrscht da nicht Uniformität, sondern eine bunte Vielfalt von Riten und Traditionen.

Wie wichtig ist die Ökumene heute für die Welt?

Jesus hat die Welt mit Gott versöhnt und so eine neue Einheit unter allen Menschen gestiftet, zu der wir unterwegs sind. Wir müssen daher mit einer Stimme sprechen: Nicht aus strategischen Gründen, sondern weil es der Auftrag Jesu ist. Ohne echte geistliche Ökumene ist Christsein also an sich unglaubwürdig. Wichtig ist auch zu wissen, dass die Einheit nicht Menschenwerk ist, sondern eine Gabe Gottes, um die wir – gemeinsam – beten müssen.

Interview: Julia Walker (23.4.10)