08. April 2020 Walter, Beate

 

Damit wir auf Augenhöhe sind

Ihr ganzes Leben schon setzt sich Ernestina López Bac für die Rechte der Indigenen ein. In ihrer Heimat Guatemala in der Indigenen-Pastoral der Bischofskonferenz. Sie beklagt, dass die Ureinwohner oft immer noch wie Unmündige behandelt werden. Ihre Mission ist es, das zu ändern: Nie wieder sollen andere für sie sprechen. Vor Weihnachten war die 68-Jährige zu Gast in Deutschland, um im Rahmen der Adveniat-Weihnachtsaktion für ihr Anliegen zu werben.

 

Thomas Schnieders hat sie getroffen.

 

 

Ernestina López Bac verschenkt freigiebig ihr freundliches und offenes Lachen – auch wenn sie den Besucher nicht versteht und ihr jemand übersetzen muss. Und das passierte oft in diesem Dezember, denn die Frau aus Guatemala war im Advent als Gast des Hilfswerks Adveniat in Deutschland unterwegs. Man hat den Eindruck, als würde sie aus einem Impuls heraus auch ihr unbekannte Menschen zur Begrüßung herzlich umarmen, um sich dann doch erst auf den hierzulande üblichen Händedruck zu beschränken. Um ihren Gesprächspartner zum Abschied zu umarmen, stellt sie sich auf die Zehenspitzen, ihr Gegenüber beugt sich hinunter, bis sie gemeinsam auf gleicher Höhe sind.

Diese Augenhöhe ist Ernestina in allen Belangen besonders wichtig. Sie gehört zu den indigenen Ureinwohnern Guatemalas und arbeitet seit 40 Jahren in ihrer Heimat für deren Gleichberechtigung. Wobei das mit der Heimat so eine Sache ist: Ernestina gehört zur Ethnie der Kaqchikel, sie lebt in Guatemala. Ein Staat dessen Geschichte zurück reicht in die Zeit der Maya-Kultur ab 300 bis 900 nach Christus, aber auch ein Produkt spanischer Kolonialisierung ist. Das Königshaus installierte ab dem 16. Jahrhundert ein System aus weltlichen und kirchlichen Gutshöfen, in dem viele Ureinwohner versklavt wurden. 1821 erklärte das Land seine Unabhängigkeit, doch zur Ruhe kam es nicht. Weite Teile des 19. und 20. Jahrhunderts sind geprägt von diktatorischer Gewalt, der Bürgerkrieg von 1960 bis 1996 wirkt immer noch nach.

Zur Versöhnung zwischen den Völkern im bevölkerungsreichsten Land Zentralamerikas, stellt Ernestina López Bac ihr Wissen und ihr Engagement in den Dienst der Indígena-Pastoral bei der guatemaltekitischen Bischofskonferenz. Auch heute noch würden gerade in Politik und Wirtschaft die Ureinwohner des Landes oft wie Unmündige behandelt. „Die indigenen Völker dürfen nicht als Kinder angesehen werden, sondern gleichberechtigt“, sagt sie bestimmt. Als Angehörige der Kaqchikel-Etnie und zudem als Frau ist ihr in diesem Zusammenhang Bemerkenswertes gelungen: In den 1950er-Jahren besuchte sie die Schule und studierte.

Schatten der Gewalt

Schon Mitte der 1970er-Jahre hat sie dann begonnen, sich für Angehörige ihrer Ethnie zu engagieren. „Es zogen damals viele junge Leute in die Städte. Ich wollte ihnen Hilfestellung geben“, erzählt Ernestina. Damals war ihre Arbeit noch nicht in Strukturen einer Organisation eingebunden, 1986 wurde sie dann als eigene Abteilung in der guatemalekitischen Bischofskonferenz gegründet, in der sie seitdem als Sekretärin und Schatzmeisterin arbeitet.

Der Schatten von Krieg und Gewalt lastet bis heute schwer auf ihr und ihrer Arbeit: Ab 1960 versank Guatemala in einem blutigen Bürgerkrieg, der erst 1996 durch einen Friedensvertrag offiziell beendet wurde. Für diese 36 Jahre zählt das Hilfswerk Adveniat 1,5 Millionen Flüchtlinge, über 600 Massaker und 200.000 Tote. Einer davon ist der Vater von Ernestina López Bac. Er sei am 2. November 1981 mit vier Schüssen im Gebet erschossen worden, erzählt sie. Dabei sei er kein politischer Aktivist gewesen, sondern Katechet, aber eben auch ein Mann, der sich für die Indígenas in seiner Gemeinde engagiert habe. Besonders unter der Herrschaft von General Efraín Ríos Montt 1982 und 1983 hatte die Bekämpfung der indigenen Bevölkerung Züge eines Genozids. Etwa die Hälfte der verübten Kriegsmassaker sollen in diese Zeit fallen.

Durch die Repression des Staates waren keine gemeinsamen Treffen in der Gemeinschaft zum Gottesdienst möglich“, erzählt die Katholikin Ernestina und ergänzt: „Aber obwohl es eine Zeit der Verfolgung, des Märtyrertums und des Exils war, gab es klare Bemühungen, das geistige Leben aufrecht zu erhalten.“ 1988 veröffentlichte die Bischofskonferenz einen Brief, den sie „prophetischen“ nennt: „Es war das erste Mal in Lateinamerika, dass Bischöfe sich ganz klar für eine indigene Pastoral ausgesprochen haben.“ Das Besondere daran ist für sie, dass hier die Gemeinden und Priester vor Ort direkt die Möglichkeit hatten, sich zu äußern. Und auch der lateinamerikanische Bischofsrat begann sich in dieser Zeit für das Thema zu interessieren.

Respekt vor Traditionen

Dadurch wurde auch ihr Engagement ein ganz anderes Gewicht zuteil, auch wenn durch den Bürgerkrieg viele Bistümer damit beschäftigt waren, die alltägliche Not zu lindern. Dennoch sei dieser Brief der Auslöser gewesen, dass sich die verschiedenen Volksgruppen einander angenähert hätten – bis heute seien die Vorbehalte innerhalb der Kirchenstrukturen zwar nicht verschwunden, aber doch merklich geringer geworden. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, als sich die Kirche für den interreligiösen Dialog öffnete, rückten die Urvölker in den Blick der Seelsorge. Dazu gehörten ebenso der Respekt für Jahrunderte alte Weisheiten, Traditionen und die Spiritualität, die in einen Austausch mit der westlich geprägten Theologie und Pastoral treten sollten.

Ganz wichtig ist Ernestina López Bac, klarzustellen, dass es für sie keinen Unterschied gibt zwischen dem Evangelium Jesu und dem indigenen Glauben, sie sieht beide vielmehr als gegenseitige Bereicherung. Der Widerstand, den viele der Missionierung entgegenbrachten, habe nichts mit der frohen Botschaft zu tun gehabt: Es war der Widerstand gegen die gewaltsame und respektlose Evangelisierung im Zuge der Kolonialisierung durch die Spanier im 16. Jahrhundert.

Im Glauben selbst sieht sie dagegen viele Parallelen und versucht, alte Maya-Traditionen in die katholische Liturgie einzubinden. Glaube werde immer in der Gemeinschaft gelebt, erzählt sie. Zudem sei das ganze Universum einbezogen, jeder Berg und jede Blume habe eine Bedeutung. „Das war für Jesus ganz genau so. Er hat auch diesen allumfassenden Glauben gelebt und gezeigt, der das ganze Universum erfüllt. Man soll Gott mit dem Herzen sehen“, erklärt Ernestina. „Evangelium heißt, das Leben zu respektieren.“ Und das Leben sei eben nicht nur der Mensch, sondern die ganze Schöpfung. „Genau das ist der Ansatz, der auch die Spiritualität der indigenen Völker ausmacht.“

Die Bewahrung der Schöpfung ist deshalb für Ernestina ein ganz wichtiger Aspekt des Glaubens, der sowohl in der traditionellen wie auch in der christlichen Religion eine wesentliche Rolle spiele. Bislang hat die 68-Jährige ruhig auf ihrem Stuhl gesessen und erzählt, doch an dieser Stelle beginnt sie in ihrer Handtasche zu kramen. Sie holt ein Exemplar von Papst Franziskus‘ Enzyklika „Laudato si‘“ hervor. Das Büchlein sieht ein wenig zerlesen aus und sie schlägt zielsicher Punkt 146 auf.

Darin schreibt Franziskus, dass „die Gemeinschaften der Ureinwohner mit ihren kulturellen Traditionen besondere Aufmerksamkeit zu widmen“ ist. „Denn für sie ist das Land nicht ein Wirtschaftsgut, sondern eine Gabe Gottes und der Vorfahren, die in ihm ruhen; ein heiliger Raum, mit dem sie in Wechselbeziehung stehen müssen, um ihre Identität und ihre Werte zu erhalten.“

Nicht grundsätzlich alles sei neu, was der Papst verkünde, gesteht Ernestina ein. Vieles haben auch schon andere Theologen gesagt, jedoch werde es anders in der Welt gehört, da es der Papst mitteile. In dieser Textpassage betont Franziskus, dass die Ureinwohner eben nicht nur eine Minderheit von vielen, sondern die Hauptgesprächspartner seien. So würden sie zu Gesprächspartnern auf Augenhöhe. Dabei ist ihr die Jugend wichtig. „Die Älteren sollten ihre Weisheit vererben können und immer noch weiter mitarbeiten in Kirche und Gesellschaft, aber gleichzeitig die Jugendlichen einen Platz übernehmen lassen.“

 

Traditionelle Maya-Zeremonien integriert Ernestina López Bac in den
christlichen Glauben. Fotos: Adveniat/Achim Pohl

Diskriminierung stoppen

Da ist Ernestina López Bac wieder an dem Punkt der gleichen Augenhöhe, der ihr so wichtig ist. „Die indigenen Völker dürfen nicht mehr als Kinder und Unmündige angesehen werden, sondern auch im Glauben eigenverantwortlich und selbstständig sein und als gleichberechtigte Gesprächspartner akzeptiert werden“, betont sie mit Nachdruck. Sie wünsche sich eine Welt, in der sich alle Völker auf Augenhöhe begegneten. „Das ist für mich Jesus, die Einheit in dieser Vielfalt im Glauben.“ Das gelte aber auch für die politische Ebene, bei der alle Bevölkerungsgruppen in die Entscheidungsprozesse einbezogen werden müssten. Der Weg weg von der Diskrimierung und dem Rassismus gegenüber der Indigenen sei auch in ihrem Land, in Guatemala, noch weit.

Das ist Ernestina López Bacs Mission. Sie will Gleichberechtigung und trägt das auch sichtbar nach außen. Sie streicht über ihr buntes, traditionelles Kleid: „In dieser Kleidung, so wie ich eben bin, als Indigene, will und muss ich respektiert werden. Wir respektieren die anderen ja auch!“