08. April 2020 Walter, Beate
 

Hinein in die Stadt

In einem halben Jahr findet in Leipzig der Jubliäums-Katholikentag statt. Zum 100. Mal treffen sich Christen aus ganz Deutschland, um ein großes Fest des Glaubens zu feiern. Sechs Monate vorher wird nicht nur das Programm mit Diskussionsrunden, Konzerten und Gottesdiensten festgezurrt. In der Leipziger Geschäftsstelle beginnt die heiße Phase der Planungen, etwa um alle Teilnehmer auch für die Nacht unterzubringen, dazu laufen schon die ersten Anmeldungen ein. Unterstützt wird das Team der Festangestellten unter anderem von drei jungen Frauen, die ihren Freiwilligendienst beim Katholikentag absolvieren.

 

Ein Blick hinter die Kulissen des Katholikentag-Büros in Leipzig von Thomas Schnieders.

 

Kristin Heinecke, Rebekka Schwarzer und Elisa Klingebiel absolvieren einen Freiwilligendienst
in der Geschäftsstelle des Katholikentags. Foto: Schnieders

 

Gegen neun Uhr früh erwacht das Leben in der Leipziger Innenstadt. Während Menschen zur Arbeit has-ten und ihre Hände gegen die Kälte an Coffee-to-go-Bechern reiben, nimmt Rebekka Schwarzer bereits die ersten Telefonate entgegen. Die 19-Jährige absolviert in der Geschäftsstelle des 100. Katholikentages ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) und arbeitet dazu im Teilnehmerservice mit. Rebekka nimmt schon die ersten Anmeldungen für das Treffen im Mai entgegen, beantwortet Anfragen per Email und natürlich telefoniert sie. Denn bei ihr landen alle Anrufe der zentralen Telefonnummer. Noch ist es relativ ruhig, im neuen Jahr rechnet sie mit mehr Anrufen, mehr Fragen, mehr Anmeldungen. Kurz: mit mehr Arbeit.

Etwa ab Februar erwartet Martin Stauch, der Geschäftsführer des 100. Katholikentages, deutlich mehr Anmeldungen. 33.000 Dauerteilnehmer waren 2014 zum Treffen nach Regensburg gereist, diese Zahl will Stauch auch für Leipzig erreichen. Die Herausforderung dabei sei, die Menschen in einer nahezu konfessionslosen Stadt zu erreichen. Nur gut 22.000 der 500.000 Leipziger sind katholisch, das sind 4,3 Prozent. Oder anders herum: Fast 84 Prozent der Einwohner sind offiziell ohne Bekenntnis.

Katholikentag für alle

Stauch möchte deshalb mit dem Katholikentag ein Angebot in der Stadt machen, dass auch die Nicht-Glaubenden erreicht. Es wird in der Innenstadt je eine Bühne zu sozialen und zu Eine-Welt-Themen stehen. Viel Musik und Tanz soll es dort geben, dazu kurze Gespräche. Bei den Bühnenprogrammen werden keine Tages- oder Dauerkarten benötigt – traditionell ist der Eintritt hier frei. Im Gegensatz zu den Veranstaltungen, die nicht draußen stattfinden werden. „Wir wollen keinen Kongress, bei dem die Stadt egal ist“, sagt Stauch. „Wir wollen in die Stadt rein.“

Im nun ablaufenden Jahr hatte es auch einige Querelen gegeben: Für den Katholikentag hatte man bei der Stadt Leipzig einen Zuschuss von einer Million Euro beantragt, der erst nach langen Diskussionen im Stadtrat beschlossen wurde. Doch das habe laut Stauch keine Spuren hinterlassen. Nun versuche man eine Veranstaltung zu organisieren, die auch den Nerv der Einheimischen treffe. Dazu sollen auch Akteure aus dem nicht-kirchlichen Bereich eingebunden werden. Außerdem soll es Veranstaltungen geben, die sich gezielt an Konfessionslose richten. Geschäftsführer Stauch ist sich sicher: „Wir haben auch eine Botschaft für die Nicht-Glaubenden.“

Allerdings haben der Geschäftsführer und sein Team nur begrenzten Einfluss auf die inhaltliche Ausgestaltung des Programms. Denn den Großteil bereiten Arbeitskreise verschiedener katholischer Gruppen und Verbände vor. Unter anderem Diskussionsrunden und Bibelauslegungen unter dem Leitwort des Treffens: „Seht, da ist der Mensch“. Zur Arbeit gehören in den Wochen vor Weihnachten vor allem organisatorische Dinge: Die Suche nach einem Logistikzentrum, die Erstellung des Sicherheitskonzeptes und die Verhandlungen mit Betreibern von Veranstaltungshallen.

Kristin Heinecke muss auch das technische Equiment im Auge behalten.

Dort wird dann ein Einsatzort von Kristin Heinecke sein, die ebenfalls in der Geschäftsstelle ein FSJ absolviert. Sie ist in der IT eingesetzt, die später zumindest zum Teil die Veranstaltungen betreut. Momentan liegt Kristins Hauptaugenmerk allerdings eher auf der Haustechnik: dem Einrichten von Arbeitsplätzen, der Hilfe bei einem vergessenen Passwort oder wenn eine Tastatur ihren Dienst versagt. „Dabei war ich gar nicht so der Technik-Profi, als ich hierher gekommen bin“, erzählt die 18-Jährige und gesteht: „Als ich zum Vorstellungsgespräch kam, wollte ich alles außer EDV machen. Dann habe ich meinen jetzigen Chef kennengelernt und der hat mir gesagt, er würde mir alles beibringen.“ Drei Monate teilt sie sich nun schon mit ihm ein Büro und dieser Tag im Advent ist für beide bislang recht ruhig. Zufrieden blickt Kristin auf einen Laptop vor sich, der gerade ein paar Programmupdates bekommt.

Bei ihrer Kollegin Elisa Klingebiel summt inzwischen der Drucker. Sie druckt gerade ein Angebot aus für das der Katholikentag eine Ausschreibung gemacht hat. Bevor etwa die berühmten Schals geordert werden dürfen, geben verschiedene Firmen ihr Angebot dafür ab. Zu Elisas Aufgaben im Bereich Shop und Einkauf gehört es, dann die Auftragsvergabe vorzubereiten. Mit ihrem Chef überlegt sie dann nicht nur, welche Angebote wirtschaftlich genug sind, sondern auch, ob auch sonst alle geforderten Kriterien erfüllt sind. Dazu zählen bei Kleidung etwa Siegel, die Kinderarbeit ausschließen oder bei Holzprodukten solche, die nachhaltigen Waldbau garantieren. Zudem sollen möglichst viele Aufträge an Firmen in der Region vergeben werden.

Kein typisches FSJ

Für die 19-Jährige ist die Zeit ihres Freiwilligendienstes auch eine Zeit der Orientierung. Sie hatte nach dem Abitur ein Studium zur Bauingenieurin begonnen, aber schnell festgestellt, dass dies nicht die richtige Wahl war. Ihr Freiwilliges Soziales Jahr will sie auch nutzen, um sich zu entscheiden, welchen beruflichen Weg sie einschlagen möchte. Ähnliches gilt auch für ihre beiden Kolleginnen: Kristin hatte nach dem Abitur im Sommer eigentlich vor, zu studieren, und sich dann doch anders entschieden: „Ich habe die Anzeige gesehen, und dachte: Das mache ich!“ Rebekka hingegen wollte ganz bewusst nach dem Abitur eine Auszeit nehmen und etwas Praktisches machen. „Ich habe die Stellenausschreibung gelesen und gedacht: Das ist kein typisches FSJ.“ Die Organisation einer Großveranstaltung habe sie dabei gereizt: „Man bekommt Erfahrung in verschiedenen Bereichen und hat einen guten Überblick“, sagt sie.

Elisa Klingbiel packt auch Päckchen, denn sie betreut den Online-Shop.

 

Den besten Überblick muss wahrscheinlich Martin Stauch als Geschäftsführer des 100. Katholikentages haben. Neben logistischen Herausforderungen rund um Busfahrpläne und den Standorten für das Lager sowie die Bühnen, dreht es sich dann doch noch einmal um das Programm: Zwar ist dessen Großteil durch die verschiedenen Arbeitskreise zum Jahreswechsel festgezurrt, doch ein paar Dinge fehlen noch. Vier Wochen vor Weihnachten steht der Musiker für das große Popkonzert, das am Samstagabend des Treffens, wie auch in Regensburg und 2012 in Mannheim, stattfinden soll, noch nicht fest. Aber Stauch wirkt entspannt, als er erzählt, dass das große Zugpferd für eine Veranstaltung noch fehlt, bei der man vielleicht am ehesten kirchenferne Menschen erreicht. Er organisiert schließlich schon seit 2003 Katholikentage.

Und er will nicht nur mit den verschiedenen Veranstaltungen „in die Stadt rein“, wie er sagt. Auch wenn die konkrete Programmgestaltung nicht komplett in ihren Händen, sondern in denen verschiedener Arbeitskreise liegt, will Martin Stauch mit seinem Team auch aktuellen Themen Raum geben: Zur Flüchtlingsthematik sollte es ursprünglich nur ein Podium geben, jetzt gebe es in jedem Fall auch ein zweites. Auch in anderen Bereichen des Programms sollen sich Flüchtlinge wiederfinden und zwar so, dass man nicht über sie, sondern mit ihnen spreche. Aber, und das ist Stauch besonders wichtig: „Ohne, dass sie sich vorgeführt fühlen.“

Neben den Dauerteilnehmern sollen auch möglichst viele Tagesgäste Ende Mai den Weg nach Leipzig finden. Mehr als in Regensburg sollen es werden: An die Donau kamen statt der geplanten 50.000 nur 20.000 Pilger für einen Tag. Das schlechte Wetter hatte viele zu Hause bleiben lassen und Regencapes zum inoffiziellen Symbol des Festes gemacht. Von Veranstalterseite her gibt man sich Mühe, möglichst viele Gäste nach Leipzig zu locken. Drei Sonderzüge fahren nach Leipzig: von Rheine, Essen und Stuttgart. Für die Unterbringung stehen Schulen bereit und man wird sich zu Jahresbeginn auf die Suche nach Menschen machen, die zum Beispiel ihre Couch im Wohnzimmer für Pilger freiräumen.

Kurze Wege

Rebekka wird mithelfen, für jeden Teilnehmer den besten Schlafplatz zu finden. „Bis 35 Jahre muss eigentlich jeder in Schulen schlafen“, erklärt sie. Privatquartiere werden für die etwas älteren Teilnehmer vermittelt. Oder für Menschen mit Behinderung, die sich auch schon bei ihr anmelden. Eine Kollegin wertet die dazugehörigen Fragebögen aus, denn jeder, der will, soll zum Katholikentag kommen können und sich wohl fühlen. Generell verspricht Geschäftsführer Stauch aber einen Katholikentag der kurzen Wege. „Keine Strecke soll weiter als zweieinhalb Kilometer sein“, ist er sich sicher.

Dass die Vorbereitung vieler Pilger bereits zu Hause anfängt, merkt Elisa Klingenbiel schon jetzt. Denn neben dem Einkauf gehört auch die Betreuung des Internetshops zu ihrem Aufgabenfeld. Die Bestellungen trudeln bei ihr per Email ein. An diesem Morgen bestellt eine Dame unter anderem zwei Kerzen. Bislang reicht es noch, die verschiedenen Artikel in einem Schrank in ihrem Büro zu lagern. Dort holt sie sie dann heraus und wickelt sie in Packpapier ein, damit sie gut geschützt sind. Damit alles seine Ordnung hat, erfasst Elisa die Bestellung noch in der Computer-Datenbank, die ihr auch gleich die Rechnung für die Kundin erstellt. Dann wird der Karton zugeklebt, frankiert und mit ihm ein Stück Vorfreude auf den Weg gebracht.

Wenn Kristin aus den Fenstern der Geschäftsstelle auf die Fußgängerzone schaut, setzt dieses Gefühl auch schon ein. Sie stellt sich manchmal schon vor, wie alles Ende Mai aussehen wird: die großen Bühnen und die Straßen voller Menschen. Aber Rebekka ist nicht sicher, ob sie so viel von dem Programm sehen werden. Auch, wenn es heiße, dass es jedem möglich sein soll, zumindest zwei bis drei Veranstaltungen zu besuchen. „Aber, ob das klappt?“, fragt sie. Dennoch, schiebt Kristin nach, gelte für sie und die anderen: „Es ist quasi unser gemeinsames Baby, auf das einige im Team schon zwei Jahre hinarbeiten. Das wird fünf Tage Stress, aber positiver Stress.“