08. April 2020 Walter, Beate

 

 

Leben retten

 

Foto: Jugend Rettet

Die Nachrichtenbilder von Flüchtlingen, die im Mittelmeer in Seenot sind, lassen Jakob Schoen im Frühjahr nicht mehr los. Um zu helfen, gründet er ein Netzwerk von Jugendlichen und bereitet die erste Rettungsaktion vor.

„Jeder Mensch verdient die Rettung aus Seenot“, sagt Jakob Schoen ruhig und legt die Hände gefaltet auf den Tisch. Er ist der erste Vorsitzende des Vereins „Jugend Rettet“ und sitzt im Büro in der Nähe des Potsdamer Platzes in Berlin. Ein Katzensprung ist es nur bis zum Reichstag, dem Zentrum der politischen Macht in Deutschland. Dieser werfen er und seine Mitstreiter vor, zu wenig zu tun, um die Menschen zu retten, die während ihrer Flucht aus den nordafrikanischen Krisengebieten auf dem Mittelmeer ums Leben kommen.

Es ist ein Abend im April 2015, als Jakob mit Freunden zusammensitzt, die Tagesschau zeigt Bilder aus Süditalien, wieder sind Boote gekentert. Die Vereinten Nationen gehen von 800 Ertrunkenen aus, nur 27 überleben. „Man fühlt sich erst so ohnmächtig und fragt sich, ob man was machen kann“, sagt Jakob, der zu dieser Zeit gerade das Abitur ablegt. Gemeinsam fassten sie einen Plan: Solange es kein Programm gibt, um Menschen auf der Flucht aus Seenot zu retten, würden sie es machen. „Wenn man was ändern will, dann kann man was ändern“, fügt Jakob bestimmt hinzu.

Rechtliche Grundlagen

Ihre Idee stützt sich rechtlich auf das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen. Der Konvention sind laut Auswärtigem Amt bisher 166 Staaten, inklusive der Europäischen Union, beigetreten. Diese Länder verpflichten ihre Kapitäne, in Seenot geratenen Menschen Hilfe zu leisten. Außerdem legt die Übereinkunft fest, dass Küstenstaaten einen „angemessenen und wirkungsvollen“ Rettungsdienst fördern. An dieser Stelle setzen die jugendlichen Retter an. Denn sie kritisieren, dass die Europäer hier nicht genügend leisten: Mit „Mare Nostrum“ unterhielt zwar die italienische Armee ab Oktober 2013 ein Rettungsprogramm im Mittelmeer, stellte es jedoch nach zwölf Monaten wieder ein, weil sich andere EU-Staaten nicht daran beteiligen wollten. Man einigte sich politisch auf die Operation „Triton“, deren Einsatz sich im Unterschied zu „Mare Nos-trum“ nur auf küstennähere, jedoch nicht mehr in libysche Gewässer erstreckt. Außerdem geht es dabei auch um die Sicherung der Grenzen und Zerstörung von Schmugglerringen.

Bis sich die EU-Staaten auf ein konkretes Rettungsprogramm verständigen, wollen Jakob Schoen und seine Mitstreiter von „Jugend Rettet“ diese Lücke füllen. Um dies umsetzen zu können, machen sie sich auf die Suche nach einem Schiff. Klar ist zu dem Zeitpunkt erst einmal nur, dass es groß genug sein muss, um 100 Menschen aufzunehmen. Jakob erzählt, dass er in einer Rostocker Werft angerufen habe, um sich genau danach zu erkundigen. „Die haben aber schnell gemerkt, dass ich keine Ahnung von so etwas habe“, erzählt er lachend. Aber er bekam neue Nummern von anderen Werften, unzählige Telefonate hat er geführt, die Idee des Vereins erklärt und Überzeugungsarbeit geleistet.

Er und seine Mitstreiter lernen schließlich Harald Zindler kennen, einen der Mitbegründer der Umweltschutzorganisation „Greenpeace“. Er steht ihnen mittlerweile beratend zur Seite, stellt sie wieder anderen Leuten vor. Im Herbst finden sie ein Schiff, das für die Rettung geeignet wäre. Gemeinsam mit Zindler suchen sie nach Seefahrern, die bereit sind, ehrenamtlich die Rettung zu unterstützen. Außerdem erstellen sie ein Finanzierungskonzept: 800.000 Euro müssen sie sammeln, um das Schiff zu kaufen und sechs Monate zu betreiben.

 

In den Niederlanden haben die jungen Leute einen alten Fischtrawler gefunden,
den sie kaufen möchten. Lena Waldhoff, Harald Zindler und Jakob Schoen besichtigten
es im Herbst. Foto: Jugend Rettet/Jann Wilken

 

Fündig geworden sind sie in den Niederlanden. Einen 30 Meter langen Fischtrawler möchten sie dazu umbauen, auch das ehrenamtlich, aber unter professioneller Anleitung wie Jakob betont. Der 19-Jährige selbst will die erste Rettungsmission begleiten. Im Sommer soll es so weit sein – wenn sie das Geld dafür zusammen bekommen. „Wir denken nicht daran, dass es nicht klappt“, betont er und ergänzt: „Wir brauchen einen langen Atem, aber den haben wir.“

Sogar mit der Bundeswehr haben sie gesprochen und geklärt, wie so ein Rettungseinsatz aussehen kann: Entweder werden die Flüchtlinge noch auf dem Meer an Schiffe übergeben, die sich in der Nähe befinden, oder selbst von ihnen an Land gebracht.Wobei Jakob Schoen das Wort Flüchtlinge nicht gern benutzt: „Wir sprechen konsequent von Menschen. Jeder Mensch verdient Rettung“, sagt Jakob nachdenklich: „Das ist der Gedanke der Nächstenliebe, der Gedanke der Humanität.“

Zugleich wollen sie mit ihrem Verein „Jugend Rettet“ Druck auf die Politiker ausüben – nicht nur durch den Aufbau einer Hilfsorganisation, sondern auch durch ein Netzwerk. In vielen europäischen Städten wollen sie Botschafter etablieren, die über ihre Aktivitäten informieren und in Gesprächsrunden mit anderen jungen Leuten über mögliche Lösungen diskutieren. Und sie wollen selbst wieder überflüssig werden, sagt Jakob: „Es darf nicht unsere Aufgabe sein, dort Seenotrettung zu leisten. Wir leisten sie jetzt, aber längerfristig darf es nicht unsere Aufgabe sein.“

Thomas Schnieders

 

Dieser Artikel erschien am 10. Januar 2016 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche.