08. April 2020 Walter, Beate

Neubeginn in bester Lage

Das Adolf Mathes Haus im angesagten Glockenbachviertel bietet vor allem jungen Wohnungslosen in München einen Weg ins Berufsleben.

Schwungvoll klappt die Frau vor dem Café den Ständer ihres mintfarbenen, restaurierten Vespa-Motorrollers aus den 1970er-Jahren nach oben und braust davon. In der Nähe zeigt das Schaufenster einer Boutique elegante Abendkleider „handmade in Munich“. Isarvorstadt, Glockenbachviertel, Hans-Sachs-Straße. Mietpreise bis 27 Euro pro Quadratmeter monatlich. Die „zentrale beste Lage“, so sagt es der offizielle Mietspiegel nüchtern. Die Bewohner des Adolf MathesHauses, das mit 60 Unterbringungsplätzen vor allem junge Wohnungslose beherbergt, können und müssen die marktüblichen Mieten nicht bezahlen. Sie leben in einer Einrichtung des Katholischen Männerfürsorgevereins. Aber zwischen Szeneviertel und sozialem Anliegen gebe es keinen Widerspruch: „Wir versuchen, die Menschen vom Rande der Gesellschaft wieder ins Zentrum der Gesellschaft zurückzuholen.“, sagt Johannes Braun, der das Haus leitet.

Eigener Laden

Der Laden im Erdgeschoss des Männer-Wohnheimes, das sich seit 1972 für die Eingliederung in feste Wohn- und Arbeitsverhältnisse einsetzt, passt ins trendige Glockenbachviertel. Dort werden unter anderem kunstvoller Schmuck, Kerzenständer (siehe Foto) und Schaukelpferde verkauft. Die Bewohner fertigen sie in den Werkstätten des Hauses. Thomas Reimschüssel ist einer von ihnen. Mit feinem Sägeblatt und scharfen Blick schneidet er aus einer Kupferplatte Figuren. Aber auch eigene Ideen setzt der bekennende FC-Bayern-Fan um. Dazu gehört die  magnetische Fußballtabelle für die Wand genauso, wie der  Leuchtbogen aus Metall im Stil des Kunsthandwerks aus dem Erzgebirge. „Das war dann allerdings eine ganz schöne Fitzelarbeit“, sagt Reimschüssel. Bis er in der Werkstatt des Adolf MathesHauses seine Leidenschaft für den Umgang mit Metallen entdeckte, brauchte der 25-Jährige mehrere Anläufe.

 

Nach der Schule begann Thomas Reimschüssel zunächst eine Lehre als Koch. Auf der Zielgrade zwischen Theorie- und Praxisprüfung entzog ihm dann der Tod seiner Mutter im Jahr 2011 jeglichen Boden unter den Füßen. Er begann zu trinken, zahlte die Miete nicht mehr, flog aus der Wohnung und landete schließlich auf der Straße. „Im Sommer konnte ich meistens im Englischen Garten schlafen“, erzählt er. In der Winterzeit übernachtete er in wechselnden Obdachlosenquartieren. „Ich habe dann selbst gemerkt, dass ich Hilfe brauche und wollte einfach ein normales Leben führen“, sagt Reimschüssel heute. Inzwischen ist er Vater geworden und besucht fast täglich Freundin und Sohn.

Seit April 2014 wohnt Thomas Reimschüssel im Adolf Mathes Haus und wagt einen Neubeginn. Der plötzliche Verlust eines nahen Angehörigen kann nur einer der Auslöser sein, der zur dramatischen Wendung im Leben führt. „Die Situation in München ist für unsere Personengruppe besonders schwer. Zu hohe Mieten, geringes Einkommen und zu wenig Sozialwohnraum machen es für viele unmöglich, wieder in geordnete Verhältnisse zu kommen“, sagt Hausleiter Braun. Ein weiteres Problem sei, dass gerade jüngere Männer öfter keine Fähigkeiten mehr mitbringen würden, eine eigene Wohnung zu führen. „Das Alter ist in den letzten Jahren immer niedriger geworden. Gut die Hälfte unser Bewohner ist unter 30“, bemerkt er. Teil des Hilfsangebots im Herzen Münchens ist daher auch eine Ausbildung in hauswirtschaftlichen Grundfertigkeiten wie Waschen, Putzen und Kochen. Im Zentrum des Aufenthalts steht eine Arbeitstherapie, die mit geregeltem Tagesablauf dem Leben der ehemals Wohnungslosen wieder eine feste Struktur verleiht. Darin wird auch auf persönliche Neigungen eingegangen.

Individuelle Förderung

Im Kreativ-Bereich etwa gehen die Neuankömmlinge zunächst drei Wochen auf Tuchfühlung mit Holz, Textilien, Metallen oder Keramik. Je nach Talent und Interessen vertiefen sie ihre handwerklichen Fähigkeiten anschließend in spezialisierten Werkstätten. Nicht selten ergeben sich dadurch Möglichkeiten, die für die Bewohner wieder in einen festen Job und zur eigenen Wohnung führen. „Erst kürzlich haben zwei junge Männer eine Stelle auf dem freien Ausbildungsmarkt gefunden“, freut sich Marcel Leidenroth, der die Metallwerkstatt leitet. Zu diesem Kreis möchte sich auch Thomas Reimschüssel bald zählen. Er sucht eine Lehrstelle als Metallbauer und hat einen Termin beim Einstellungstest eines großen Unternehmens in München. Auch nach Ausbildungsplätzen als Lagerist hält er parallel Ausschau. Denn darin ist sich Reimschüssel sicher: „Ohne Ausbildung hat man es einfach schwer und wird nur als Hilfsarbeiter bei Zeitarbeitsfirmen enden. Das ist nicht mein Ziel“, gibt er sich selbstbewusst.
Neben seinen Ambitionen, wieder in geordnete Verhältnisse zu kommen, erzählt der junge Mann von seinem Lebenstraum. Seine Augen beginnen zu leuchten, wenn er an die Urlaube zurückdenkt, die er mit seiner Mutter und seinem Bruder unternahm. Nach der Zeit im Adolf Mathes Haus und erfolgreichen Jahren im Berufsleben komme für ihn ein Ortswechsel infrage. „Wenn ich aus München wegziehe, dann nach Spanien. Wenn ich mir in Barcelona ein Haus am Meer leisten könnte, in dem ich mit meiner Freundin und meinem Sohn lebe: das passt!“

Henning Schoon

Information:

Adolf Mathes, der Namensgeber des Wohnheims für junge Wohnungslose, geboren 1908 in München, war eng verbunden mit der Münchner Vorstadt Au und ihren „kleinen Leuten“. Nach dem Abitur studierte er Theologie in Freising und wurde dort 1932 zum Priester geweiht. Seine letzte Kaplans-, dann Predigerstelle (1944/46) war in Maria Hilf in der Au. Nach dem zweiten Weltkrieg gab es viele obdachlose Männer: arbeitslose Kriegsversehrte, Spätheimkehrer mit zerstörter Familie, Taglöhner vom Land. Weil er sich dieser Obdachlosen annahm und ihnen Schlafstätten in alten Luftschutzbunkern einrichtete, bekam Adolf Mathes den Namen „Bunkerpfarrer“. Am 19. April 1950 gründete er den Katholischen Männerfürsorgeverein München e.V. (KMFV). Ziel war die Errichtung eines Übernachtungsheims für Männer. Sein Werk als Pionier der Obdachlosenarbeit und Männerseelsorge, der KMFV, ist heute ein Fachverband der Wohnungs- und Obdachlosen, Suchtkranken- und Straffälligenhilfe mit 500 MitarbeiterInnen in 20 Einrichtungen. Adolf Mathes starb am 28. Dezember 1972 in München.