08. April 2020 Walter, Beate

Picknick zwischen Grabsteinen

Ursprünglich war der Assistenzfriedhof die letzte Ruhestätte für arme Kopenhagener. Heute ist er auch als Park zur Erholung beliebt.

Der Weg zu Hans Christian Andersen ist gut ausgeschildert. Und trotzdem kann es sein, dass man achtlos an ihm vorbei eilt – auf der Suche nach üppigen Blumenbouquets, großen Kränzen und einem monumentalen Grabstein. Doch Andersens Grab (Foto: Glugla) ist schlicht, wie fast alle Gräber auf Kopenhagens Assistenzfriedhof sehr schlicht sind. Schmal ist es noch dazu. Da der Schriftsteller nie verheiratet war, wurde er hier nach seinem Tod am 4. August 1875 allein beigesetzt.

 

Dabei war dieser Friedhof ursprünglich nicht dazu gedacht, dass hier einmal auch die Reichen und Schönen liegen, sondern die Armen: 1760 wurde der Assistens Kirkegård vor dem nördlichen Stadttor angelegt, denn innerhalb der Festungsmauern waren die Grabstätten knapp und entsprechend teuer. Schon um 1800 entwickelte sich die Anlage aber zu einem beliebten Ausflugsziel, Picknick zwischen Grabsteinen inklusive. Damals entdeckten die Totengräber einen lukrativen Nebenerwerb für sich: Sie verkauften Schnaps an die Ausflügler, bis ihnen dies 1813 verboten wurde.
 

Beim Sonntagsspaziergang

Geblieben ist bis heute der parkähnliche Charakter der Anlage. Große, breite Alleen durchziehen den Friedhof, es gibt viele freie Gründflächen. Er ist ein heller, freundlicher und vor allem einladender Ort, selbst wenn Nebel über allem hängt. Viele Jogger sind unterwegs, ein paar Radfahrer, Familien mit Kinderwagen machen ihren Sonntagsspaziergang. Junge Pärchen bummeln ziellos durch die Gegend, ganz ins Gespräch versunken. Sogar zum Sonnenbaden darf man herkommen, was wohl gerade für Deutsche ein wenig gewöhnungsbedürftig anmutet. Für Kopenhagener ist dieser Ort im Stadtteil Nørrebro nicht nur Friedhof, sondern auch Stadtpark.
 
Überall ist es dann aber doch nicht erlaubt, sich wie zu Hause zu fühlen. Ein kleinerer Teil des Friedhofs dient nach wie vor aktiv als Begräbnisfeld; Aushänge weisen darauf hin, dass man sich in diesem Teil bitte angemessen verhalten soll. Doch etwa bei Hans Christian Andersen, dessen Grabstein von einer Buchsbaumhecke umschlossen wird, stehen passenderweise gleich mehrere Parkbänke. Ein Ehepaar packt in Ruhe sein Picknick aus, während eine Gruppe Touristen Fotos vom Grabstein schießt. „Unser Körper stirbt, aber eine Seele kann nicht sterben“, ist unter anderem auf diesem eingemeißelt. Andersen selbst hat diesen Spruch getätigt. Er wirkt so fromm und ehrlich wie vieles in Andersens Schaffen. Wie etwa in dem berühmten Märchen vom Mädchen mit den Schwefelhölzern, das am Ende stirbt, aber im Moment des Todes die Kraft des Himmels spürt und die geliebte Großmutter endlich wieder sieht.
 
 
Zahlreiche berühmte Dänen haben hier ihre letzte Ruhe gefunden, nachdem ein Außenminister in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verkündet hat, auf dem Arme-Leute-Friedhof beerdigt werden zu wollen. Wie etwa Søren Kierkegaard. Der Philosoph und gläubige Christ liegt ein Stück entfernt von Andersen, umschlossen von einer Rosenhecke im Familiengrab mit Vater und Mutter. Auf Sørens Gedenktafel ist ein Kirchenlied des dänischen Bischofs Hans Adolph Brorson festgehalten: „Noch eine kurze Zeit, dann ist‘s gewonnen, dann ist der ganze Streit in nichts zerronnen. Dann werd ich laben mich an Lebensbächen und ewig, ewiglich mit Jesus sprechen!“
 

Ort zum Innehalten

Um Ruhe zu finden, ist der Assistens Kirkegård tatsächlich ein guter Ort: egal ob zur eigenen Andacht oder zum Gespräch. An vielen Wegen und Ecken sind Bänke aufgestellt. Auch im grauen Herbst sind sie gut belegt, oft auch mit jungen Leuten. In der Hand halten sie einen Kaffee, den sie sich in einer der vielen naheliegenden Bars zum Mitnehmen gekauft haben. Sie trinken ihn an einem Ort, in Dänemarks Hauptstadt, an dem die Welt sich so einladend etwas langsamer dreht.

Thomas Schnieders