08. April 2020 Walter, Beate

 

 

Kleine Tröster

Wenn es Kindern schlecht geht, sollten sie etwas zum Kuscheln haben. Deshalb nähen Helga Seemüller und Brigitte Staudigel Teddybären.

 

Für Brigitte Staudigel (links) und Helga Seeemüller sind ihre Stofftiere mehr als Bären.
Sie sind Seelentröster. (Fotos: Schnieders)

Ohne Bärli geht es nicht“, sagt Helga Seemüller. Sie sitzt mit ihrer Freundin Brigitte Staudigel am Gartentisch, vor ihnen liegen Nähgarn, Nadeln und kleine Fellstücke, die sie gerade zusammennähen. Beinchen für Teddybären werden daraus, aber bis eines der Plüschtiere fertig ist, dauert es noch ein paar Stunden. Sechs bis acht sind es – alles in Handarbeit.

75 Bären nähen die zwei Freundinnen aus Fürstenfeldbruck in jedem Jahr: 50 spenden sie an das Deutsche Rote Kreuz, 25 an die Malteser. Die Organisationen bestücken damit ihre Rettungswagen bzw. ihre Teams, die die Bären Kindern als kleinen Trostspender während eines Einsatzes schenken können.

Nähen und ratschen

Die Kinder spricht das an“, sagt Helga Seemüller, die seit 18 Jahren die Stofftiere für den guten Zweck näht. Seit 15 Jahren hilft ihr Brigitte Staudigel. Kennengelernt haben sie sich die Freundinnen über einen Nähkurs für Teddybären im örtlichen Spielwarengeschäft. Den Stammtisch, der sich damals anschloss, gibt es heute nicht mehr, aber im übertragenen Sinne haben die beiden Frauen ihn nun selbst gegründet: Einmal in der Woche treffen sie sich zum Nähen, aber auch zum Ratschen. „Wir waren uns auf Anhieb sympathisch, und so sind wir über die Zeit gute Freundinnen geworden“, erzählt Staudigel, während sie mit Nadeln weiter das Fell für eine Pfote absteckt – auf links natürlich, damit man die Nähte später nicht sieht. „Das Zusammensein“, ergänzt ihre Freundin Helga, „das macht es auch aus.“

Damit man die Nähte nicht sieht, werden alle Bären auf links genäht.

Aber sich einmal in der Woche zu treffen, das reicht natürlich nicht, um ihr Pensum zu schaffen. Beide nähen auch allein, ob abends statt fernzusehen oder nachmittags in der Sonne auf der Terrasse. So wie sie sich nun bei bestem Sommerwetter bei Helga Seemüller getroffen und ihre Utensilien auf dem Gartentisch ausgebreitet haben. Die Bären sind der beiden liebstes Hobby geworden. „Doch Zwang darf es nicht werden“, sagt Seemüller.

Die Idee, Kindern mit dem Kuscheltier eine Freude zu machen, stammt aus dem Fasching. „Eine Bekannte hatte ein Kostüm aus Bärenfell, das sie dann zu Teddybären vernäht hat“, erzählt Brigitte Staudigel. Diese wurden dem Roten Kreuz gespendet, daraus entwickelte sich alles.

Wir wollten etwas für andere machen“, sagt ihre Freundin Helga. In Notsituationen, wenn es Kindern schlecht ginge, hätten sie immer noch am liebsten etwas zum Kuscheln, ist sie überzeugt. Daran änderten auch Videospiele und Tablets nichts. Aus ihrer Kindheit weiß sie noch, wie tröstend ein Plüschgeselle sein kann, denn Seemüller erlebte noch das zerstörte München nach dem Zweiten Weltkrieg.

Diese Arbeit tut einem selbst gut und spendet den Kindern Trost“, stimmt Brigitte Staudigel zu. Vor dem Ruhestand hat sie im Kindergarten gearbeitet und kennt auch deshalb die Bedürfnisse von Kindern. „Wobei ich damals ja noch nicht so viel helfen konnte.“ Als sie das sagt, schaut Helga Seemüller sie ernst an: „Aber du hast deinen Teil dazu beigetragen und das ist das Wichtigste!“, ruft sie tadelnd, doch gleichzeitig auch in diesem warmen Ton freundschaftlicher Zuneigung. Außerdem ist das Nähen kein Wettrennen mit Siegern und Verlierern. Flott unterwegs müssen beide allerdings einmal im Jahr sein: Dann fahren sie morgens in aller Frühe mit dem Zug nach Wiesbaden zur Messe „Teddybär-Welt“.

Sehen und anfassen

Das ist einer der schönsten Tage im Jahr“, schwärmt Helga Seemüller. Den Termin für die nächste Messe müssen sie gar nicht mehr im Kalender nachschauen. „Das ist am 19. März“, sagt Brigitte Staudigel, und ihre Augen leuchten. Aber zum gemütlichen Kaffeetrinken kämen sie dort nicht. „Vielleicht eine Cola im Stehen, wir haben da nicht viel Zeit“, wirft Seemüller ein. Denn in Wiesbaden kaufen die Frauen alles ein, was sie für ein Jahr Teddybären-Produktion brauchen. „Die Farben der Stoffe und das Fell, das muss man sehen und anfassen. Im Internet oder im Katalog sieht man das nicht so genau“, erklärt sie. Jeder Bär soll schließlich wunderschön werden und lange Freude bereiten, deshalb kommt bei den Freundinnen nur Qualität auf den Nähtisch. Manche Händler gewährten ihnen sogar schon Rabatte, weil sie von der guten Sache wissen.

Am Jahresende geben sie die Bären bei den Wohlfahrtsträgern ab und beginnen wieder von vorne. „Ich freue mich immer, wenn ein Bär fertig ist“, sagt Seemüller und strahlt die plüschigen Gesellen an. Und ihre Freundin ergänzt: „Ich kann sie mir aus meinem Leben auch schon gar nicht mehr wegdenken.“

Thomas Schnieders (Text und Fotos)