08. April 2020 Walter, Beate

 

Über die Revolution

Andreas Englisch hat sich einen Namen gemacht als Kenner des Vatikans und der Päpste. In seinem neuen Buch beschreibt er Papst Franziskus als Revolutionär.

Von Thomas Schnieders

Der Autor und Journalist Andreas Englisch lebt mit seiner Familie
in Rom und ist ausgewiesener Papst-Kenner.
© Riccardo Musacchio & Flavio Ianniello

Sie hätten noch viel mehr Karten verkaufen können. Hätten sie gewusst, dass ihnen die Eintrittskarten beinah aus den Händen gerissen werden, sie wären nicht in den Pfarrsaal gegangen, sagen die Organisatoren vom Katholischen Forum Hamm. Der Buchhändler am Eingang möchte die Ausgaben mit dem Konterfei von Papst Franziskus eigentlich noch geraderücken, da sichern sich die ersten Gäste schon ihr Exemplar. „Sind die schon signiert?“, fragt eine Frau und wiegt das in Plastik eingeschweißte Exemplar in ihrer Hand. – Nein, aber der Autor mache es am Ende, verspricht der Händler. Ihre Freundin kauft dann gleich zweimal: „Der Kämpfer im Vatikan“.

Das neue Buch von Andreas Englisch ist an diesem Abend kurz vor Weihnachten 2015, an dem der Journalist in Hamm/Bockum-Hövel auftritt, erst seit vier Wochen im Handel, belegt aber bereits Platz eins der Spiegel-Bestseller-Liste. Es ist sein zweites Buch über Franziskus, und für manche hat Englisch den Ruf eines Propheten. Doch nicht jeder, der das sagt, meint das nett. In jedem Fall: Andreas Englisch war es, der den Rücktritt von Benedikt XVI. vorhergesagt hat.

Mit Papst Franziskus hat der Autor nun einen Revolutionär im Vatikan ausgemacht, der es sich zur Aufgabe macht, die Kurie umzubauen und nachhaltig zu verändern, wie Englisch betont. Die Zeit einer katholischen Kirche, die sich auf Europa konzentriere, sei beendet. „Eine von italienischen Bischöfen geprägte Kirche ist vorbei, das gibt es nicht mehr.“ Das sei ein Fortschritt, findet der Autor, da sich die Kirche wirklich globalisiere. Zum ersten Mal sage sie nicht nur, dass sie sich für die Belange der Schwachen interessiere, sondern tue es wirklich.

In seinem Buch und vor dem gebannt lauschenden Publikum führt er dann später aus, woran er das festmacht: Materielle Not sei für Karol Wojtyla, also Papst Johannes Paul II., nicht so erheblich gewesen, zumindest im Vergleich zur spirituellen Not. „Hier liegt der fundamentale Unterschied zwischen Karol Wojtyla und Jorge Mario Bergoglio, weil das Leben in Lateinamerika Bergoglio nicht nur lehrte, dass die katholische Kirche oft auf der falschen Seite stand, sondern auch, dass es nicht möglich ist, einem Menschen, der hungert, das Evangelium zu verkünden; zunächst muss man ihm etwas zu essen verschaffen“, schreibt der Autor in seinem Buch.

In Franziskus sieht Andreas Englisch einen Papst, der den Kampf mit der alteingesessenen Kurie aufnimmt und nicht einknicken wird. Englisch, den viele Medien auch als „Papstkenner“ bezeichnen, habe es selbst nicht für möglich gehalten, dass jemand wie der Erzbischof von Buenos Aires zum Oberhaupt der Katholiken gewählt würde. Sichtbares Zeichen für Veränderungen sei bereits der Abend seiner Wahl gewesen, erklärt Englisch. Franziskus trat nicht, wie eigentlich vorgesehen, nur mit dem Kardinalsprotodiakon auf die Loggia des Petersdoms, sondern nahm den emeritierten Kardinal Cláudio Hummes mit. Dieser war bei Benedikt XVI. in Ungnade gefallen, nach dem er gesagt hatte, dass etwa der Zölibat überdacht werden könne.

Seinen 200 Zuhörern erklärt Englisch an diesem Abend in Hamm anekdotenreich und unterstützt von vielen Gesten die Zusammenhänge in der Kirche. Wie hier sind seine Veranstaltungen ausverkauft, wenn er von seinen Begegnungen mit insgesamt drei Päpsten und vielen Geistlichen erzählt.

Franziskus habe einen Großteil der Kurie gegen sich, erklärt Englisch. Denn der Papst rüttele an Gewohnheiten, mit denen man Jahrhunderte bequem gefahren sei. Es gehe ihm um Glaubwürdigkeit, die die Kirche zurückgewinnen müsse. „Die katholische Kirche hat sich in den vergangenen tausend Jahren ziemlich wenig um die Botschaft dieser Kirche, die von Jesus von Nazareth, geschert“, ruft Englisch. Man habe Paläste gebaut und Kriege geführt, die Leute hätten das geschluckt. „Aber die Leute schlucken das nicht mehr!“

Das Interesse an Papst Franziskus sei in Deutschland sehr groß, bekräftigt Englisch. Dazu passt, dass sein Buch in manchen Buchhandlungen zwischenzeitlich nicht mehr vorrätig war. Und als Leser merkt man diesem Buch auch an, dass hier jemand schreibt, der viele Belege für die These des Franziskus-Kämpfers gefunden hat und der diese vor allem sehr anschaulich zu erzählen weiß.

„Ich hoffe, dass diese Revolution weitergeht!“, wünscht sich Englisch zum Abschluss. Er ist da guter Hoffnung, denn schließlich habe Franziskus das Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. Daran schließt er dann doch noch eine Prophezeiung für 2016 an: „Ich denke, das kommende Jahr wird ganz entscheidend werden.“

Andreas Englisch
Der Kämpfer im Vatikan.
Papst Franziskus und sein mutiger Weg
384 Seiten
19,99 € [D] 20,60 € [A] 26,90 CHF
C. Bertelsmann Verlag

(18.02.2016)