14. Dezember 2017 Johannes vom Kreuz

 

Was glauben wir eigentlich?

In Gottesdiensten sprechen wir das Glaubensbekenntnis. Aber denken wir auch über dessen Bedeutung nach? „Credo“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „ich glaube“. Nur: An was glaubt jeder einzelne? Eine Ausstellung in München spürt dieser Frage nach und ermutigt jeden von uns, sein eigenes Glaubensbekenntnis zu formulieren.

Die Pietà auf der Kriegsgräberstätte Romange-sous-Monfaucon.
Die Pietà auf der Kriegsgräberstätte Romange-sous-Monfaucon.
In den Darstellungen der Schmerzensmutter mit dem toten Christus
im Arm finden viele Christen Besinnung und Kraft.
Kunst war schon immer eine Möglichkeit, dem Glauben Ausdruck zu verleihen.
Foto: Schnieders

Miriam stellt sich ihr Leben wie ein Boot vor. Sie schreibt: „Wenn mein Boot etwa durch einen Zusammenstoß mit einem anderen Schaden nimmt oder durch einen Sturm
stark beschädigt wird, unerträglich schwankt und dadurch den Eindruck erweckt, jederzeit kentern zu können, dann stellt sich Gott dazwischen.“ Diese Worte sind Teil
des Glaubensbekenntnisses einer 16-Jährigen. Für sie ist Gott jemand, der dann als Mechaniker verkleidet am Ufer auf sie wartet. Während sie den festen Boden an Land genieße, repariere er ihr Boot namens Leben. „Damit ich wieder gut gerüstet dafür bin, was als nächstes auf mich zukommt.“

Die Gedanken der jungen Frau sind für Felix Leibrock eine elementare Auseinandersetzung mit dem Glauben. Der Pfarrer und Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks in München ist zurzeit Gastgeber der kleinen Ausstellung „Credo! Worauf ich stehe“. Es ist für ihn notwendig, den eigenen Glauben zu formulieren, neben des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, wie es in den christlichen Kirchen gebetet wird.

Zum Glauben gehört Zweifel

Die Ausstellung ist aus einem Online-Projekt des Münchner Pfarrers Andreas Ebert entstanden. Er hat drei Jahre lang auf einer Internetseite die Gedanken von Menschen gesammelt, was für sie die Basis ihres Glaubens ist. Jeder Teilnehmer gab also ein Bekenntnis ab. Ebert sagt, er habe in Gottesdiensten beobachtet, „dass viele das Credo nicht mitsprechen. Für manche Zeitgenossen ist es unbekannt oder schwer nachvollziehbar. ‚Was ist ein eingeborener Sohn?‘ oder ‚War Maria wirklich im biologischen Sinn eine Jungfrau?‘. Heute setzten viele Gläubige andere Akzente als die traditionell benutzten Texte. „So bedarf es immer wieder einer Auslegung, der Ergänzung oder sogar der Neuformulierung. Dabei gibt es keine Zensur. Zum Glauben gehören auch Unglaube und Zweifel“, ergänzt Ebert.

Das sieht auch Felix Leibrock so. In seiner Zeit als aktiver Pfarrer habe er sich immer dafür eingesetzt, dass neben dem klassischen Glaubensbekenntnis auch andere im Gottesdienst gesprochen werden. Leibrock wirft – etwas provokant vielleicht – die Frage in den Raum: „Würde Martin Luther das Apostolische Glaubensbekenntnis heute immer noch so zentral setzen?“ Leibrock wirkt nicht so sicher, schließlich sei die Welt zu Luthers Zeit noch eine andere gewesen.

Das Weltbild der Zeit

Luther war, wie seine Zeitgenossen, überzeugt, dass die Erde der Mittelpunkt des Universums ist, um den die Sonne kreist. Das sogenannte geozentrische Weltbild war dreistufig: Über der Erde war der Himmel, unter ihr die Hölle. Dieses Konzept setzte sich schon in der Antike durch und wurde auch von der Kirche verteidigt, schließlich widersprach es nicht der Bibel. Mit Nikolaus Kopernikus (1473–1543) und Galileo Galilei (1564–1642) setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Erde und die anderen Planeten um die Sonne kreisen. Das heliozentrische Weltbild traf auf erheblichen Widerstand der Kirche.

Felix Leibrock ist Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerk München.
Felix Leibrock ist Geschäftsführer des Evangelischen
Bildungswerk München. Foto: Schnieders

Zum Ende seines Lebens lernte auch Luther diese Ansicht noch kennen, und soll heftig widersprochen haben. Schließlich sah dieses Modell nicht mehr den Menschen im Mittelpunkt von allem, wie es auch in der Bibel überliefert wird. Der Reformator soll Kopernikus einen „Dummkopf“ gescholten haben, der die gesamte Kunst der Astronomie verdrehen wolle. „Jedoch“, so Luther, „hat das heilige Buch uns erklärt, dass Josua die Sonne und nicht die Erde bat, still zu stehen.“

Im Alten Testament wird berichtet, dass Josua im Kampf gegen fünf Amoriterkönige die Sonne anrief, stehen zu bleiben. Der Kampf sollte so noch vor dem Sabbat entschieden sein (Jos, 10,1-15).

Wie das Weltenmodell reformiert wurde, solle auch die Kirche sich reformieren können, sagt Felix Leibrock. Er spielt auf den Begriff „ecclesia semper reformanda“ an, den Wissenschaftler in den 1950er- und 1960er-Jahren prägten. Ähnlich sei es mit dem Credo, dass man auch immer wieder neu formulieren müsse. „Das Spannende“, sagt Leibrock, sei eben, „darum zu ringen, wie man seinen eigenen Glauben in Worte fassen kann.“ Thomas Schnieders

Die Ausstellung "Credo - Worauf ich stehe" ist noch bis zum 22. Juni im Evangelischen Bildungswerk in München zu sehen. Adresse: Herzog-Wilhelm-Straße 24.
Im Internet finden Sie das Credo-Projekt unter: www.credo-projekt.de

Dieser Artikel erschien am 11. Juni 2017 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.