19. Oktober 2017 Paul vom Kreuz

Von Schiffchen und Kolumnen

Ohne sie wäre Johann Wolfgang von Goethe nicht so berühmt geworden: Druckmaschinen.
Seit 25 Jahren sammeln Ehrenamtliche alte Exemplare und stellen sie aus. Eine Rundgang durch das Museum „Pavillon Presse“ in Weimar ist auch eine Reise durch die Zeit und Faszination des Buchdrucks.

Von Thomas Schnieders

Ralf Herrmann bereitet eine Setzkolumne an einem Setzkasten vor. Foto: Schnieders
Ralf Herrmann bereitet eine Setzkolumne an einem Setzkasten vor. Foto: Schnieders

Nein, sagt Ralf Herrmann und grinst. „Johannes Gutenberg hat nicht den Buchdruck erfunden.“ Wenn er Gäste durch das Druckgrafische Museum Pavillon-Presse in Weimar führt, fragt er immer nach der Erfindung des Mainzers aus dem 15. Jahrhundert. Herrmann zeigt dann auf eine kleine, unscheinbare Holzplatte. Vögel sind darauf zu sehen, ihre Umrisse stehen etwas vor: eine Druckvorlage. Diese kann man einfärben, gegen Papier drücken und so eine Seite drucken.

Buchdruck war erstmal ein Heftdruck

„So konnte man auch kleine Hefte drucken, aber nicht 300 Seiten.“ Alternativ wurden im Mittelalter Bücher Seite für Seite per Hand abgeschrieben. Bücher waren ein Luxusgut, Reiche konnten sich so etwas leisten – und die Kirche. Mönche schrieben oft wochen-, wenn nicht gar monatelang an einer Abschrift. „Die Revolution war, dass Gutenberg den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden hat“, erklärt Herrmann.

Setzletter gab es auch aus Holz. Foto: Museum
Setzletter gab es auch aus Holz. Foto: Museum

Das Museum gibt es natürlich noch nicht so lange wie die Druckkunst, die hier ausgestellt wird. Dabei ist das Gebäude selbst aus dem 16. Jahrhundert und ist eines der ältesten Weimars. Ab dem 19. Jahrhundert beherbergte es tatsächlich einen Verlag: „Mit dem Panses-Verlag entwickelt sich das Gebiet zu einem der wichtigsten Thüringer Verlags- und Druckereistandorte“, sagt Ralf Herrmann. Die Thüringische Landeszeitung, die es immer noch gibt, hat hier ihre Wurzeln.

Start nach der Wende

Als in der Wendezeit zahlreiche Betriebe schlossen, sammelten unter anderem ehemalige Drucker in ganz Thüringen alte Maschinen aus den Betrieben ein. 1992 eröffnete das Museum, das bis heute von Ehrenamtlichen betrieben wird.

 

Im ersten Stock war früher die Redaktion untergebracht. Nach der Wende konnte alles liebevoll restauriert werden. Foto: Schnieders
Im ersten Stock war früher die Redaktion untergebracht. Nach der Wende konnte alles liebevoll restauriert werden. Foto: Schnieders

Den Namen des Museums hat man sich von dem Pavillon direkt gegenüber geliehen: Hier wuchs Charlotte von Stein auf, die später eine enge Freundin von Johann Wolfgang von Goethe wurde. Sie sollen sich in dem Gebäude erstmals begegnet sein – und ohne Druckmaschinen wäre der große Dichter nie so berühmt geworden.

Typischer Maschinengeruch

Ralf Herrmann ist zurzeit der Vorsitzende des Trägervereins und führt die Besucher durch das Museum. Für die Gäste hat er sich mit weißem Leinenhemd und Mütze ausstaffiert, damit er ein bisschen nach der Zeit Gutenbergs aussieht. Die schweren Maschinen stehen alle im Erdgeschoss. In einem großen Raum, in dem es nach Werkstatt riecht, mit diesem typischen Geruch aus Schmierfett, Öl und Arbeit; als würden gleich die Arbeiter zurückkommen.

Blick in den ehemaligen Raum der Druckmaschinen - heute Ort der Sammlung. Foto: Schnieders
Blick in den ehemaligen Raum der Druckmaschinen - heute Ort der Sammlung. Foto: Schnieders

In diesem Raum steht Herrmann nun vor dem großen Setzkasten und hat die einzelnen Metallbuchstaben im Setzschiff zu Kolumnen zusammengeschoben und mit einem Schließrahmen fixiert. Mit dieser sogenannten Schließform könnte er nun tatsächlich drucken. „Man muss aber darauf achten, dass alles plan aufeinander liegt“, ergänzt er.

Von Gutenberg bis heute

Zu Gutenbergs Zeit waren die Pressen noch ganz aus Holz und ähnelten etwa den Weinpressen der Zeit. Der Druck wurde über eine Spindel aufgebaut, für jedes Blatt wurde die Druckform neu mit Farbe versehen und ein Blatt unter die Form geschoben.

Bis ins 19. Jahrhundert geschah alles in Handarbeit, dann erfand Friedrich Koenig die erste Schnellpresse: Das Einfärben ging automatisch über Walzen, rotierende Zylinder sorgten für den Gegendruck. 800 Seiten pro Stunde, doppelt so viele wie bisher, konnten so produziert werden. Kein Wunder, dass die aufstrebende Londoner Tageszeitung „The Times“ zu ihren ersten Nutzern zählte.

Maschine ging die Buchstaben nicht aus

Zwar wurde ab diesem Zeitpunkt schneller gedruckt, nur ein Problem blieb, erklärt Ralf Herrmann und geht in den Nachbarraum. „Alles wurde immer noch von Hand gesetzt.“ Bis dann mit Ottmar Merghentaler wieder ein Deutscher eine Maschine erfand. Den Linotype, quasi eine Schreibmaschine für Druckvorlagen. Herrmann geht zuerst hinter die Maschine und steigt auf die zwei Stufen eines Treppchens. Leicht erhöht lässt sich sehen, wie diese Maschine funktioniert. In Behältern liegen die kleinen Schriftträger: Für jeden Buchstaben ein eigenes Fach, jede dieser Matritzen hat eine eigene Zahnung. Wenn ein Setzer nun vorne auf einen Buchstaben der Tastatur drücken würde, fiele immer das richtige Messingelement in eine Zeile. „Anschließend wurde Blei gegen die komplette Zeile gespritzt, die Druckzeile ist fertig, die Messingmatritzen kommen zurück ins Magazin“, erklärt Herrmann. Für kunstvolle Bücher war dieses standardisierte Verfahren nichts, für eine Zeitung, die möglichst schnell erscheinen muss, jedoch ein Meilenstein in der Technik.

 

Schreib- und Setzmaschine in einem: der Linotype. Foto: Schnieders
Schreib- und Setzmaschine in einem: der Linotype. Foto: Schnieders

Heute werden Vorlagen digital erstellt, auch das kann Herrmann seinen Besuchern im Pavillon-Presse zeigen. Aber das Herz des studierten Grafik-Designers scheint doch irgendwie an den alten Techniken zu hängen. „Diese Maschine macht viel Krach, aber sie klingt wunderbar!“ Er lächelt: „Und ihr gehen nie die Buchstaben aus“.

 

Dieser Artikel erschien am 17. September 2017 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.