14. Dezember 2017 Johannes vom Kreuz

„Ich habe gelernt, wie kostbar Zeit ist“

Vor zehn Jahren erkrankte Corinna Kohröde-Warnken an Krebs. Die Ärzte machten ihr damals nicht viel Mut, doch sie nahm den Kampf auf. Obwohl fünf Jahre später noch einmal Metastasen festgestellt wurden, verlor sie die Hoffnung auf Heilung nicht. Heute will die Autorin anderen Menschen zeigen, warum es sich lohnt, nicht aufzugeben. Im Gespräch erzählt sie, wie ihr das gelungen ist und wie der Glaube ihr geholfen hat.

Corinna Kohröde-Warnken stellte auf der Frankfurter Buchmesse ihr neues Buch vor. Foto: Schnieders
Corinna Kohröde-Warnken stellte auf der Frankfurter Buchmesse ihr
neues Buch vor. Foto: Schnieders

 

In ihren Büchern geht es auch um Hoffnung. Wie würden Sie den Begriff für sich definieren?
Hoffnung ist natürlich immer die Voraussicht auf etwas, was noch nicht eingetreten ist, aber dass es möglichst gut wird. Jetzt ist natürlich die Frage: Wie definiere ich „gut“? So habe ich auch in meinem ersten Buch „Mein pinkfarbenes Leben“ gesagt: Ich habe die Hoffnung, dass es gut wird. Auch wenn das „gut“ nicht das ist, was ich als gut empfinde. Vielleicht hat Gott für mich als gut empfunden, dass ich sterbe. Dann muss ich das auch so akzeptieren und hinnehmen. Hoffnung hat etwas mit Akzeptanz zu tun, aber auch mit der Wahl.
Ich habe auch in meinen Büchern mehrfach Viktor Frankl zitiert, der sagt: Wir haben die Wahl, wie wir uns einer Lebenssituation oder einer Situation überhaupt stellen. Wir können eine Situation, die schwer ist, verteufeln, verfluchen, wütend, zornig sein, aber wir können sie auch annehmen.
Ich habe immer die Wahl, wie ich mich einer Situation stelle und das hat sehr viel mit Hoffnung zu tun. Wenn ich die freie Wahl habe, dann ist das eine unendliche Freiheit, die Gott uns da gibt.

Sie haben gerade schon den Psychiater Viktor Frankl zitiert. Es geht bei ihm darum, dass man in eine gewisse Distanz zu sich selbst kommen kann. Er hat auch gesagt: „Unter den Hammerschlägen des Schicksals, in der Weißglut des Leidens an ihm gewinnt das Leben Form und Gestalt.“ Können solche Worte wirklich ein Trost sein?
Das sind sie nicht auf Anhieb. Ich war auch nicht immer nett zu Gott. Ich habe mit ihm gehadert und gestritten. Ich glaube, diese Hammerschläge waren unendlich schmerzhaft, und ich habe auch geweint, war zornig, habe Teller an die Wand geschmissen, ich war wirklich unter Spannung, war atemlos vor Angst ob dieser drei Monate, die mir prognostiziert worden sind.
Tatsächlich haben sie mich geformt, und es ist gut geworden, es ist etwas Gutes daraus geworden. Das ist für mich alles wie ein Geschenk, weil es nicht für mich erwartbar war. Ich kann da nur sehr dankbar sein. Man wird auch gelassener. Ich habe gelernt, wie kostbar Zeit ist.

Sie sagen, dass Ihr Glaube Ihnen geholfen hat. Inwiefern?
Ich wusste, dass ich nicht alleine bin, auch wenn ich nicht gerade furchtbar nett bin. Ich wusste, Gott sitzt trotzdem neben mir. Ich habe ihn in vielen dunklen Nächten im Krankenhaus, im Krankenbett gespürt. Ich wusste, er hört mir zu. Ich merke es, wenn ich in Untersuchungsterminen bin, dass ich nicht alleine bin. Ich habe in der Hosentasche immer ein mittlerweile ganz zerknittertes Bild einer Ikone: der Knotenlöser. Das ist ein wichtiger Punkt für mich, diese Nähe zu Gott. Ganz egal, wie ich drauf bin, wenn ich einen schlechten Tag habe, ist er trotzdem da, er ist präsent. Diese Knoten auf der Ikone, es sind neun, habe ich ganz oft gezählt. Und Gott hat es geschafft, diese Knoten aufzulösen.

Wie spüren Sie Gottes Nähe?
Ich habe, wie wohl viele Menschen, oft Schwierigkeiten mit dem Heiligen Geist. Der Heilige Geist weht einen ja oft an. Mir ist Gott als Heiliger Geist begegnet, indem ich Sätze oder Kalenderblätter, Sprüche in der Bibel gesehen habe, bei denen ich gedacht habe: Da steht ja die Antwort auf meine Frage.

Sie haben auch mit Gott gehadert. Was hat Sie dann wieder zu Gott zurückgebracht oder waren Sie eigentlich gar nicht weg von ihm?
Weg von Gott war ich, denke ich, nicht. Für mich ist Glaube eine Beziehung. Wie in einer Partnerschaft gibt es Tage, an denen es richtig kracht. Gott ist für mich ein Vater, aber er ist auch ein Freund. So habe ich ihn erlebt – als wirklich sehr verzeihlich und als immer präsent. Ich kann mich nicht von Gott entfernen. Selbst, wenn ich sage: Gott, ich will nichts mehr mit dir zu tun haben, dann ist er trotzdem da.

Haben Sie sich von ihm während Ihrer Krankheit getragen gefühlt? Fühlen sich auch immer noch getragen?
Unbedingt. Ich sage immer, ich habe mit Gott telefoniert. Ich habe einen Hund, der braucht Bewegung, deshalb gehe ich viel spazieren. Ich bin mindestens zwei Stunden pro Tag unterwegs, und da telefoniere ich immer mit Gott und unterhalte ich mich mit ihm. Dann trage ich ihm alles vor, und dann kommen mir Ideen oder Gedanken zum Beispiel für ein neues Buchprojekt. Das ist etwas, was ich als Heiligen Geist empfinde. Das weht mich dann an, wo ich denke: Ach, ja, genau, das könnte von dir kommen, Gott!

Das Gespräch führte Thomas Schnieders

 

Zur Person

2007 erhielt Corinna Kohröde-Warnken die erste Krebsdiagnose, fünf Jahre später eine weitere. Die ausgebildete Intensiv-Krankenschwester musste ihren Beruf im Krankenhausmanagement aufgeben. Sie beschreibt ihre Erfahrungen in dem Internet-Tagebuch pinkfarbenesleben.de und in ihrem Buch „Mein pinkfarbenes Leben mit Gott und Krebs“. In ihrem neuen Buch „Im Wartezimmer der Hoffnung“ erzählt sie eindrücklich von Menschen, die trotz schwerer Krankheit den Lebensmut nicht verlieren. Entstanden ist ein äußerst lebensbejahendes Werk.

Wartezimmer der Hoffnung_Kohröde-Warnke

"Im Wartezimmer der Hoffnung"
von Corinna Kohröde-Warnken
ist im Vier-Türme-Verlag erschienen.
Es kostet 18 Euro.