16. November 2018 Margareta, Walter

Frühstück mit Uschi Glas

Die Schauspielerin will, dass kein Kind hungrig in die Schule kommen muss. Deshalb gründete sie den Verein "brotZeit".

 

Uschi Glas inmitten der Schulkinder. Bei brotZeit ist jedes Kind willkommen. Foto: Michael Tinnefeld/
Uschi Glas inmitten der Schulkinder. Bei brotZeit ist jedes Kind willkommen.
Foto: Michael Tinnefeld/"brotzeit"e.V.

Zwei Helfer stellen gerade die letzte Platte mit Wurst und Käse auf das Frühstücksbuffet in der Münchner Grundschule an der Helmholtzstraße. Da strömen die Kinder schon herein. Die Hände hätten sie gewaschen, behaupten sie unisono und umringen das Glas mit dem Nougat-Aufstrich. „Ist das noch nicht offen?“, fragt Uschi Glas und schaut in fragende Gesichter. Die süße Creme gebe es nur ausnahmsweise, rufen die Helfer noch schnell, aber umso beliebter ist sie natürlich. Glas nimmt sich ein Messer, schlitzt die goldfarbene Folie auf und macht Kinder glücklich. Die machen sich über das Glas her, eines nach dem anderen.

2008 hörte Uschi Glas einen Beitrag im Radio, in dem es hieß: Über 3.000 Kinder müssten allein in München hungrig in die Schule gehen, viele seien deshalb unkonzentriert, könnten nicht richtig aufpassen, manche erlitten sogar Schwächeanfälle. Sie konnte das nicht glauben und wurde aktiv. Mit ihrem Mann Dieter Hermann machte sie sich schlau, schrieb Grundschulen in München an, erfragte die Situation vor Ort. Mit einigen Schulleitern konnte sie persönlich sprechen, diese bestätigten den Hörfunk-Journalisten, und Glas war entsetzt – aber auch motiviert, etwas zu ändern.

Kinderarmut in Deutschland

Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt dauerhaft in Armut, hat die Bertelsmannstiftung 2017 in einer Studie herausgefunden. Als arm gilt ein Kind demzufolge, wenn die Familie mit weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens auskommen muss oder staatliche Leistungen zur Grundsicherung bezieht.

Besonders betroffen hiervon sind demnach Kinder von Alleinerziehenden, von beruflich gering qualifizierten Eltern oder aus kinderreichen Familien. Selbst im vermeintlich reichen München lebten zwölf Prozent der Kinder unter 15 Jahren von der Grundsicherung für Arbeitssuchende, schreibt die bayerische Landeshauptstadt in ihrem aktuellen Armutsbericht.

Aber: Warum Kinder zu Hause kein Frühstück bekämen, da könnten die Gründe vielfältig sein, erläutert Glas. Naheliegend sei der Gedanke, dass die Eltern sich nicht genügend um ihre Kinder kümmerten. Oft seien Eltern aber auch gezwungen, für ihre Arbeit vor den Kindern das Haus zu verlassen. Außerdem gebe es viele Alleinerziehende. „Vielleicht steht dann etwas zum Frühstück im Kühlschrank, doch alleine essen macht ja keinen Spaß“, sagt die Schauspielerin. Beim „brotZeit“-Frühstück frage niemand, warum ein Kind kommt.

Die Kinder lieben es

Katharina Stein bestätigt das. Sie ist Lehrerin an der Münchner Grundschule an der Helmholtzstraße und von Schulseite mit der Organisation des Frühstücks betraut. „Wir haben großen Zulauf. Meistens kommen bis zu 40 Kinder, und die, die kommen, lieben es. Die Kinder unterhalten sich, und das nette Zusammensitzen, das tut den Kindern gut“, sagt sie. „Manchmal erzählen uns Eltern, dass sie ihre Kinder extra früher wecken, damit sie zum Frühstück kommen können.“

Essen und reden.
Essen und reden. "BrotZeit" will Grundbedürfnisse befriedigen.
Foto:Michael Tinnefeld/brotzeit e.V.

Auch Baraa kommt gerne. Er hat sich mit David an einen Tisch gesetzt. Vor beiden stehen Käsebrote, sie kauen, sie lachen, manchmal auch beides gleichzeitig. Sie sind Freunde, beides Drittklässler, aber sie gehen nicht in die selbe Klasse. Baraa besucht an der Schule eine sogenannte Übergangsklasse, dort liegt der Schwerpunkt darauf, dass die Kinder Deutsch lernen, um dem Regel-Unterricht folgen zu können. Das Frühstück ist eine gute Gelegenheit, seinen Kumpel zu treffen. „Das macht mehr Spaß als zu Hause“, sagt er und beißt wieder in sein Käsebrot.

„Mein Traum ist, dass kein Kind wegen Hunger nicht am Unterricht teilnehmen kann“, sagt Glas über ihr Engagement für Kinder. Mit ihrem Mann und einem befreundeten Unternehmensberater hat sie 2009 den Verein „brotZeit“ gegründet, mittlerweile versorgen sie fast 200 Schulen in mehreren deutschen Städten. Unterstützt werden sie von ehrenamtlichen Helfern, die das Frühstück vorbereiten, sie bekommen lediglich eine Aufwandsentschädigung, um ihre eigenen Kosten zu decken, etwa für das Busticket. Ein großer Lebensmittelkonzern spendet für alle Schulen Brot, Aufschnitt, Marmelade und Saft. „Das sind 350.000 Kilo im Jahr“, berichtet die Schauspielerin.

Hand in Hand

Alle zwei Wochen werden diese über eine Internet-Plattform geordert, erzählt Lehrerin Katharina Stein, die sich die organisatorischen Aufgaben mit einer Kollegin teilt. Wird geliefert, muss jemand die Ware in Empfang nehmen. Dies übernimmt momentan eine ehrenamtliche Mitarbeiterin. Zu den Aufgaben der Lehrerinnen gehört zudem auch die Einteilung des Personals für die Frühschichten. Die Ehrenamtlichen werden über einen Personaldienstleister gesucht, dieser spendet dafür sozusagen einen seiner eigenen Mitarbeiter. Die Arbeit laufe Hand in Hand, berichtet Stein.

Etwa 30 Kinder sind an diesem Morgen vor dem Unterricht in die Mensa der Münchner Grundschule an der Helmholtzstraße gekommen. Nachdem sie sich ihre Teller beladen haben, verteilen sie sich an den gro-ßen Tischen und eine Gruppe fängt an zu tuscheln. Die Blicke gehen immer wieder zu Uschi Glas, die an diesem Morgen natürlich nicht nur zuschaut, sondern sich schnell eine rote Schürze umgebunden hat, um zu helfen. Mit einem Teller voller Apfelschnitze geht sie zwischen den Tischen umher. Die Kinder greifen zu, wenn der Teller an ihrer Nase vorbeischwenkt.

Erzählen und austauschen

Dann traut sich ein Junge für seine Freunde zu fragen: „Bist du nicht die aus ‚Fack ju Göte‘?“ Uschi Glas lächelt. Bis vor ein paar Jahren war sie Kindern und Jugendlichen nicht mehr bekannt. Das änderte sich mit ihrer Rolle in der Schulklamotte als Lehrerin mit Burnout. Sie geht auf den Jungen zu und nickt.

Ein guter Start ins Leben fängt mit einem guten Start in den Tag an, findet Uschi Glas. Foto: Jessica Kassner/brotzeit e.V.
Ein guter Start ins Leben fängt mit einem guten Start in den Tag an,
findet Uschi Glas. Foto: Jessica Kassner/brotzeit e.V.

„Bist du nicht die Lehrerin, die aus dem Fenster gesprungen ist? Hat das nicht wehgetan?“ Die Kinder lauschen gebannt, als Glas ihnen erklärt, dass es so weh nicht tat, dass sie in einen Haufen Kartons gefallen ist und dass das Blut nicht echt war. Hier, sagt sie etwas später, habe sich gezeigt: Es gehe nicht nur darum, die Kinder satt zu kriegen. Sie sollen erzählen, sich austauschen. Nebenbei lernten sie noch soziale Umgangsformen.

„Ein Staat wie Deutschland darf nicht die Kinder abhängen, deren Leben noch gar nicht richtig begonnen hat“, sagt Uschi Glas. Sie ist in der Nachkriegszeit aufgewachsen und hat selbst von den Suppenküchen der Amerikaner profitiert. An diesem Morgen haben Xenia Loris und Andreas Becker das Frühstück vorbereitet. Einmal in der Woche helfen sie bei „brotZeit“. Auch die Fernsehredakteurin und der Unternehmensberater wollen der Gesellschaft einen Dienst erweisen, schließlich gehe es ihnen gut.

Uschi Glas erzählt, dass sie „Glück hatte, auf der Sonnenseite des Lebens“ zu stehen, auch deshalb wolle sie etwas zurückgeben. „Ich mache mir in meinem Gottesgespräch immer Gedanken, ob mein Tag so in Ordnung war“, berichtet die evangelische Christin. „Ich überlege, was wäre, wenn ich auf der anderen Seite stehen würde.“ Jedes Kind solle gute Bedingungen haben, um ins Leben zu starten. Mit einem gesunden Frühstück fängt das für sie an.

Dann lächelt sie den Kindern hinterher, die schnell ihre Teller und das Besteck zusammenräumen und auf einen Servierwagen stellen: Die Schulklingel verkündet den Beginn der die ersten Stunde.

Thomas Schnieders

 

Dieser Artikel erschien am 31. Dezember 2017 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.

 

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