19. August 2018 Bernhard von Clairvaux, Hugo

Motaz und sein Dankeschön

Als in Syrien der Krieg ausbrach, floh Motaz Salha nach Berlin. In der Bahnhofsmission absolviert er einen Bundesfreiwilligendienst und will so auch seinen Dank gegenüber Deutschland zeigen. Von Thomas Schnieders

Motaz in der Bahnhofsmission am Berliner Hauptbahnhof. Foto: Schnieders
Motaz in der Bahnhofsmission am Berliner Hauptbahnhof. Foto: Schnieders

Neben ihm blubbert schon der Wasserkocher, während Motaz Salha noch schnell im Dienstplan etwas nachschaut. Dann gießt er Tee auf und reicht die beiden Becher zwei jungen Männern über den Tresen. Hier in den Räumen der Bahnhofsmission im Berliner Hauptbahnhof wärmen sie sich an diesem nasskalten Wintertag auf; vom Trubel der Reisenden ist nichts zu hören.

Seit dem vergangenen Sommer arbeitet der Syrer hier als Bundesfreiwilligendienstler. Er nimmt am Sonderprogramm „Bundesfreiwilligendienst mit Fluchtbezug“ teil, das es seit Ende 2015 gibt. Ziel ist es zum einen, zusätzliche Stellen zu schaffen, um die Flüchtlingshilfe zu unterstützen und zum anderen, Flüchtlingen die Möglichkeit zum Engagement zu geben.

So wie Motaz in der Bahnhofsmission: „Wir helfen hier Obdachlosen und begleiten Kinder oder ältere Menschen zum Zug oder zum Taxistand“, erzählt er. Er wolle nicht zu Hause sitzen und nichts tun.

Arbeiten und deutsch lernen

Darin besteht für viele Geflüchtete die Motivation, sich über diesen Dienst zu informieren, berichtet Anne Hilbert. Die Referentin beim Verband „IN VIA“ koordiniert diese besondere Form des Bundesfreiwilligendienstes für das Erzbistum Berlin. Sie trifft eine Vorauswahl aus den Bewerbern und muss manchmal auch Erwartungen dämpfen: „Es ist keine Arbeit, bei der man eigenverantwortlich arbeitet, sondern unter Anleitung.“ Bei manchen stelle sich etwa heraus, dass es sinnvoller sei, einen Praktikumsplatz zu suchen. Generell gelte bei allen: „Die Motivation, die Sprache zu lernen, ist sehr hoch.“

Anne Hilbert ist Referentin beim Verband
Anne Hilbert ist Referentin beim Verband "IN VIA".
Foto: Schnieders

Deshalb arbeiten die meisten Flüchtlinge an ihren Einsatzstellen nicht mehr als 25 Stunden in der Woche. So bleibt genügend Zeit, einen Deutschkurs zu besuchen. Jeden Vormittag geht Motaz zum Sprachkurs, anschließend zur Arbeit in die Bahnhofsmission. Danach oder dazwischen lerne er in die Bibliothek und erledige seine Hausaufgaben. In seiner Freizeit mache er viel Sport, „das ist aus meiner Zeit beim Militär übriggeblieben“, sagt Motaz. Er schaut an seinem muskulösen Körper herunter und lächelt in gewisser Weise entschuldigend.

In Syrien muss jeder Mann einen 24-montigen Wehrdienst leisten. Doch Motaz wollte seine Einberufung verhindern: Er unterbrach sein Studium, ging nach Dubai und arbeitete dort in einer Bank. Er hoffte, genügend Geld zu verdienen, um sich von der Wehrpflicht freikaufen zu können. Aber im Zuge der Banken- und Finanzkrise 2009 verlor er seine Stelle, musste zurück und wurde eingezogen. Erst habe man ihn an Raketen ausgebildet, anschließend habe er junge Männer schulen müssen, erzählt er und fügt hinzu: „Ich hatte noch Glück. Mein Militärdienst war vier oder fünf Monate vor dem Krieg zu Ende.“ Doch für diesen sollte er wieder eingezogen werden.

Flucht über das Mittelmeer

Er floh. Lebte und arbeitete eine Zeit lang in Erbil im Irak, musste wieder fliehen und kam mit einem Schlauchboot über das Mittelmeer und über den Balkan im Sommer 2015 nach Berlin.

Hinter jedem Freiwilligendienstler steckt eine eigene Geschichte, weiß auch Anne Hilbert von „IN VIA“. Die Erfahrungen der Geflüchteten seien immer wieder Thema bei den sogenannten Reflexionsseminaren, die auch jeder deutsche Freiwillige besucht. In gemischten Gruppen sei das Interesse daran groß. „Das gibt ihnen ein Forum, aus ihrem Land zu erzählen.“ Hilbert bietet aber auch Seminareinheiten nur für Geflüchtete an. „Ich schaue, was sie brauchen: das kann Bewerbungstraining sein, Vorträge über das Bildungssystem, zu Ämtern oder über die Wohnungssuche. Ich sehe es auch als meine Aufgabe, Anstöße zu geben, wo sie selbst weitermachen können.“

Reisende begleiten ist eine wichtige Aufgabe der Bahnhofsmissionen. Symbolbild: Werner Krüper
Reisende begleiten ist eine wichtige Aufgabe der Bahnhofsmissionen.
Symbolbild: Werner Krüper

Motaz möchte seinen Freiwilligendienst gerne noch verlängern. Dann würde er ein Jahr lang in der Bahnhofsmission gearbeitet haben. „Ich liebe die Arbeit hier. Man lernt die Kultur kennen, arme Leute, reiche Leute, Menschen aus ganz Deutschland“, erklärt er. Anschließend und wenn sein Deutsch noch besser ist, wäre eine Ausbildung zum Flugbegleiter sein Traum. „Ich liebe das Reisen“, sagt er. Aber er weiß auch, mit seinen 36 Jahren sind die Chancen darauf nicht unbedingt gut.

Sozialarbeiter wäre eine Alternative für ihn. In Erbil habe er in einem Kindergarten gearbeitet. „Die Kinder mochten mich. Es war eines meiner besten Jahre.“ Motaz lächelt. Den Bundesfreiwilligendienst sieht er nicht nur als Chance, um sich in seiner neuen Heimat besser zu integrieren, er denkt auch an die Hilfen, die er hier bislang bekommen hat: „Es ist wie ein Dankeschön zurück an Deutschland.“

 

Mehr Informationen zum Bundesfreiwilligendienst mit Fluchtbezug finden Sie auf den Internetseiten des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (klicken Sie hier).
Auf seiner Internetpräsenz stellt der Verband "IN VIA" diese Form des Freiwilligendienstes ebenfalls vor (klicken Sie hier).
Die Bahnhofsmissionen in Deutschland stellen sich ebenfalls auf einer eigenen Homepage vor (klicken Sie hier).

 

Dieser Artikel erschien am 11. März 2018 in unseren Zeitschriften Liboriusblatt, Bayerisches Sonntagsblatt und Christliche Woche. Möchten Sie unsere Zeitschriften kostenlos und unverbindlich probelesen? Mehr Informationen erhalten Sie hier.

 

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