Das blaue Wunder
Blau so weit das Auge reicht. In der Werkstatt von Georg Stark im friesischen Jever wird ein jahrhundertealtes Handwerk wieder belebt: der Blaudruck. Stefan Döring hat ihm bei seiner Arbeit über die Schulter geguckt.

Der Blaudruck eroberte Europa im 17. Jahrhundert. Zwar wurde bereits mit blauer Farbe gefärbt, doch die war sehr selten und dementsprechend teuer. Als der Seeweg nach Indien erschlossen war, kam die güns-tige blaue Farbe nach Europa. Indigo war erschwinglich und gut zu bekommen, was das Färben der Stoffe plötzlich stark vereinfachte, weil mehr Farbe zu Verfügung stand. Immer mehr Färbereien eröffneten, und Europa erlebte einen wahren Aufschwung dieses Handwerkszweigs. Schließlich wurden die Stoffe sogar exportiert. Er war plötzlich für jedermann erschwinglich.
Der Schriftsteller Daniel Defoe (Robinson Crusoe) unterstrich dies in einem seiner Werke, in dem er eine Gräfin zitierte, die von den blauen Stoffen angetan war. Tragen konnte sie diese nicht, da die Küchenmägde dies ebenfalls trügen. Eine reiche Dame mit der gleichen Kleidung wie eine arme Bedienstete? Das ging nicht, zeigt aber, wie günstig die farbigen Stoffe urplötzlich waren.
Der Beruf des Blaudruckers ist noch heute reine Handarbeit – zumindest in den traditionellen Blaudruckereien. Zunächst muss ein Tuch mit einer Art Wachs und einem Model, eine Art Stempel, bedruckt werden. Das bringt die Muster auf den Stoff. Georg Stark befeuchtet dafür immer wieder eine grüne Masse mit einem Pinsel. Dann legt er das Model auf die wachsartige Flüssigkeit. Vorsichtig drückt er es dann auf das ausgebreitete Leinentuch und klopft mit einem kleinen Hammer auf das Model. Langsam zieht er es ab und hinterlässt ein grünes Muster auf dem Stoff. Dies wiederholt er einige Male, bis das Blumenmuster die ganze Stoffbahn bedeckt.
„Früher war es ein eigener Berufszweig, die Model herzustellen. Kleine Metallstifte wurden zu einem Muster in ein Stück Holz gesetzt. Wenn ich ein Model heute selbst mache, dauert das schon mal drei bis vier Jahre“, erklärt Stark. Nachdem das Muster auf den Stoff aufgetragen wurde, muss es zunächst trocknen. Dann wird es an einem Eisenring aufgehängt und in einen riesigen Bottich mit einer Indigo-Mischung eingetaucht. Der in der Werkstatt von Georg Stark fasst rund 2500 Liter.
Die „echte Chemie“-Mischung rührt er ein Mal im Jahr selbst an. Dann kommt der Indigo zusammen mit verschiedenen Mitteln und Wasser zusammen. Daraus wird dann die blaue Lauge. Zwischen den einzelnen Tauchgängen muss er lange trocken. „Früher wurde der Stoff so eng um die Ringe gefaltet, dass jemand mit einem langen Stab immer wieder die Stoffe freischlagen musste, damit die Farbe an der Luft oxidieren konnte. Daher kommt das Sprichwort ‚Grün und Blau schlagen‘“, erklärt Stark.
Wenn der Stoff die blaue Farbe ganz angenommen hat, wird es allerdings gefährlich. Stark muss nun mit ätzenden Säuren arbeiten. Dabei lässt er niemanden zusehen. Das passiert in einem Hinterzimmer der Werkstatt. „Mit den Säuren spüle ich das Wachs von den Stoffen“, sagt er. So werden die Stellen, an denen vorher das Wachs die blaue Farbe abhielt, weiß. Der blaugefärbte Stoff ist mit weißen Mustern verziert.
Nach dieser Tradition arbeitet Georg Stark bereits seit 1985. Der Historiker schaute sich damals nach Alternativen für sein Berufsleben um. Er war im Heimatverein von Jever engagiert und durch mehrere Gespräche rückte der Blaudruck immer mehr in seinen Fokus. Sein Ehrgeiz war geweckt, und er forschte auf diesem Gebiet weiter. In Bürger- und Steuerlisten aus den früheren Jahrhunderten fand er Orte, in denen das Blaudrucker-Handwerk angesiedelt war. So konnte er bisher rund 700 verschiedene Model auftreiben. Angefangen hatte er vor 30 Jahren mit vier geliehenen Stempeln.
Sein Wissen über das Handwerk hat er sich in Lexika angelesen oder in Gesprächen mit Menschen aufgesaugt. Und er hatte Glück: Ihm fielen während seiner Forschung einige Schätze in die Hand. Wichtig sei ein Rezeptbuch aus dem 18. Jahrhundert gewesen, mit dessen Hilfe er die Indigo-Farbe anrühren konnte. Auch ein Musterbuch hat er gefunden. Das weist allerdings schon starke Gebrauchsspuren auf. Der Lederband ist inzwischen zerfleddert, die Seiten reißen fast aus. Dennoch ist Stark stolz, solche historischen Stücke in seiner Sammlung zu haben. „Das Handwerk hat eine große kulturelle Tradition. Deshalb war es mir wichtig, es wieder zu beleben“, erklärt Stark heute stolz. Immerhin hatte die letzte Blaudruckerei vor rund 100 Jahren in Jever geschlossen. Schuld war damals die Industrialisierung.
Die kleinen Handwerksbetriebe wurden von den großen Unternehmen mit ihren Maschinen verdrängt. Es wurde alles billiger, das Handwerk zeitaufwendig und dadurch zu teuer. Georg Stark profitiert heute von der Lage seiner Werkstatt in der Altstadt von Jever. Außerdem gelten die kunstvoll bedruckten Stoffe als regionales Kulturgut. Dies sei allerdings nicht so, erklärt der 65-Jährige: „Der Blaudruck war in ganz Europa verbreitet. Es gab Werkstätten in Ungarn, Österreich und in Frankreich. Heute sagt jeder, das würde zur Küste passen.“ Dass dies nicht so ist, macht er seinen Kunden gerne klar.
Denn seine offene Werkstatt soll die Besucher der Stadt nicht nur zum Bummeln einladen, sondern auch Geschichte weitergeben. Immerhin wird er von der niedersächsischen Landesregierung und der Stadt Jever bei Projekten finanziell gefördert. „Wenn ich irgendwo jahrhundertealte Model finde, wollen die Besitzer die nicht immer einfach so hergeben“, sagt Stark. Daher ist er über die Unterstützung des Landes dankbar. So kann er die Tradition weiter bewahren und den Menschen mit Stolz seine alten Schmuckstücke zeigen – auch wenn einige bereits zerstört sind und nur noch in seinem Archiv auf dem Dachboden der Werkstatt lagern.
Auf ein Model ist er besonders stolz: Es ist rund 300 Jahre alt und die kleinen Metallstäbchen im Holz sind noch gut erhalten. „Bei anderen sind die Stifte umgebogen und schon so stark gerostet, dass sie abbrechen würden, wenn man sie in die richtige Stellung biegen möchte“, erklärt er.
Bei der Suche nach weiteren Schätzen, die Stark heben will, wird er immer wieder von Kunden unterstützt. „Es ist bereits mehrmals vorgekommen, dass mir Menschen gesagt haben, dass sie selbst oder Bekannte noch alte Model zu Hause haben. Häufig lagert dort auch noch altes Leinen.“ Wenn er davon hört und erzählt, fangen seine Augen gleich an zu leuchten. Mit einem Handgriff holt er ein Bündel Stoff unter einer Ablage hervor. „Das ist handgewebtes Leinen, Maloche pur“, sagt Stark und streicht über das weiße Leinentuch. Würde heutzutage jemand eine solche Rolle Leinen von Hand spinnen und weben, dann würde diese Rolle unbezahlbar sein „Den meisten klappen die Kinnladen herunter“, sagt Stark. Denn: Der Stoff wäre so teuer wie zehn Sportwagen.